Journal für die Baukunst: in zwanglosen Heften — 29.1850

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8.
Über die italienische Bauart zur Zeit der Wieder-
geburt der Künste (Renaissance).
(Von dem Herrn Oberbaumeister zu Cassel in Hessen.)

enn von einer Zeit der Wiedergeburt der Künste in Italien die
Rede ist, darf man im Allgemeinen nicht annehmen, dafs es jemals eine
Kunstperiode in Itatien gegeben habe, wo die antike Kunst ganz vernichtet
und vergessen gewesen wäre. Abgesehen davon, dafs ihre Denkmäier, in be-
trächtlicher Zahi, der Zerstörung durch barbarische Kriege und durch die
Wirkungen der Elemente im Laufe der Jahrhunderte entgangen waren, so
war auch die Achtung und das Studium der Kunst des Alterthums nie ganz
erloschen.
Die byzantinische Bauart, die während und nachdem Italien durch
barbarische Völkerstämme überschwemmt worden war, dort herrschte, war
nichts anderes als eine Fortsetzung der altrömischen Bauart. Ich glaube an
anderm Orte (Wiener allgemeine Bauzeitung 1844 S. 141) nachgewiesen zu
haben, dafs für dasjenige Gebäude, welches in Italien als Hauptrepräsentant
der byzantinischen Bauart betrachtet werden mufs, nemlich die
in ungeachtet ihres andern Zweckes, dennoch die architektonischen
Motive von den prächtigen Thermen altrömischer Kaiser entlehnt worden sind.
Eben so hat auch die Spitzbogengewölbe-Bauart, in der Zeit, wo sie
im übrigen Europa, mit Ausschlufs jedes andern Baustyls, Sitte war, niemals
in Italien die altrömische Bauart, wenigstens nicht den aus ihr entstandenen
byzantinischen Baustyl, ganz verdrängt; sie amalgamirte sich vielmehr mit dem
letzteren und es entstand daraus ein neuer, höchst phantasiereicher und prächtiger,
wenn auch in seinem inneren Systeme nicht ganz consequenter Baustyl, der
von dem Spitzbogengewölbestyl im übrigen Europa sehr wesentlich verschieden
war. Dieser Styl hat viele sehr interessante Monumente durch ganz Italien,
besonders in kirchlichen Gebäuden hinterlassen. Ich möchte als besonders
hervortretende Denkmale derselben unter den Kirchen besonders die Kirche
des heiligen zuPaafMa, ihrem Äufsern und Innern nach, so wie die
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