Justi, Carl
Murillo — Leipzig, 1892

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Die Lehrjahre.

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Die Überliefernng seiner Vaterstadt bezeichnete im vorigcn Jahrhundert noch drei
Bilder als Ueberbleibsel dieser ersten dunklen Jahre. Davon ist eines (die schwebende
Maria mit einem schreibenden Mönch im Vordergrund, in S. Francisco) verschollen.
Das zweite, im Kreuzgang der Regina, jetzt im Museum von Cambridge, stellt eineu
Barsüßer dar, dessen Zweifeln sein heil. Franciscus zn Hilfe kommt, indem er ihn auf
den ebenfalls erschienenen heil. Thomas von Aquino verweist: eine Programm-Malerei
mit Spruchband, in einer lichten, weichen, glatten Art gemalt. Bedeutender ist das
dritte, einst in der S. Domingokapelle des Thomaskollegs, jetzt im erzbischöflichen Palast:
Maria, dem Ordensstifter den Rosenkranz überreichend. Dies vortrefflich erhaltene, ganz
helle Bild steht seinen späteren viel näher. Es ist sehr fest, sehr pastos, sehr klar und
fertig gemalt; die Himmelskönigin, der Mönch, das blonde Kind wohlgebildet, wenn auch
von etwas allgemeiner Schönheit. Bei den musizirenden Engeln in gelbem Licht-
meer mag ihm Roelas' Himmelskonzert in der Kapelle der Universität vorgeleuchtet haben.
(Beiläufig, es sind dies fast die einzigen Dominikanerbilder, die man von ihm kennt.)
Zu dieser schat'tenlosen Malerei paßt wenig die schwärzliche Madonna (Sevilla 65,
Berlin 410 ^,), das Werk eines unbehilflichen, von zufälligen Rücksichten eingeschränkten
Rcalismns. So scheint also die Neigung zum Gesälligen, Heiteren, Lichten, Schönen von
Anfang ausgesprochen. Wahrscheinlich war Murillo ein langsam und spät reisendes
Talent: seine Mitschüler hatten keine großen Begriffe von ihm: Antonio del Castillo,
ein beliebter Maler Cordoba's, als ihm später Werke seines ehemaligen Mitschülers
gezeigt wurden, war sehr erstaunt und wollte gar nicht glanben, daß sie von jenem
Murillo seien.

Sevilla war keine dunkle Provinzialstadt; was in den Schulen Jtaliens und
Flanderns aufleuchtete, dessen Schwingungen drangen bis hierher, und wie heute, Pslegte
schon damals der Spanier die Neuheiten Osteuropas (wenn auch noch nicht dessen Mode-
thorheiten) sich gern und rasch anzueignen. Da nun die Weise des Castillo auch dort
schon veraltet war, nicht in der Richtung seines Temperaments lag (denn er besaß das
Temperament des Malers), so mußte sich eine Krisis, ein Entschluß umzulernen, vor-
bereiten. Gerade im psychologischen Augenblick kam ein früherer Kamerad, Pedro Moha,
aus den Niederlanden und England zurück, wo er mit Anton van Dyck auch persönlich
bekannt geworden war. Seine Erzählungen brachten den Stein ins Rollen. Unerträg-
lich wurde es ihm, weiter als Sklave der Routine eine Kunst auszuüben, die kanm
diesen Namen verdiente. Er beschloß, mit der Gegenwart Fühlung zu bekommen, etwas
von diesen Sternen seiner Kunst zu sehen, die das Geheimnis des ihm fehlenden Erfolgs
in so hohem Grade zn besitzen schienen. Er verschaffte sich durch Anfertigung und Ver-
kauf einer Menge Bildchen sür die Jndiensahrer Mittel zu einer Reise nach Madrid (1642).

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