Justi, Carl
Murillo — Leipzig, 1892

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Die Kirche der Kapuziner.

Selten malte er den Dorngekrönten mit dem nach oben gewandten Blick, wic
es die sentimentalen italienischen Devotionsmaler liebten. Ein Werk dieser Art im Geist
Guidos, das dem Verfasser nur aus einer trefflichen Kopie bekannt ist, hatte das Dom-
kapitel im Jahre 1839 König Louis Philipp nberlassen.

Der Gekreuzigte ist bei Murillo wie bei Cano, Velazquez, Zurbaran und Ribera fast
immer einsam, in öder schweigsamer Nacht, stets unter Lebensgröße. Ein schlanker
etwas magerer Körper mit ausgearbeiteten Muskeln und Gelenken. Jn den zwei Prado-
bildern (874 f.), nach dem Verscheiden, mit dem auf die rechte Schulter gesunkencn
Haupt, ist der versöhnende Nachklang der Befehlung in den göttlichen Willen über-
zeugend und zartfühlend zum Ausdruck gebracht. Doch hat er auch einmal den Augen-
blick vor dem Tode gewählt (Czernin Galerie), den letzteu verzweifeluden Blick nach
dcm vcrschlossenen Himmel, aus dcssen Wolken ein schwacher Lichtstrahl in dem schmerzlich
fragenden Auge widerstrahlt. Mehrmals hat er ihn auf kleine Holzkreuze gemalt, ein
Exemplar aus der Kapuzincrkirche besaß noch die Galerie Lopez Cepero; ein andercs
die Kirche der Caridad, nach der Überlieferung vom Stifter stammcnd. — Ganz anders,
breit, blond, ist der Kopf in den kleinen Bildchen auf Schiefer, Christus im Gartcn
und an der Säule, im Louvre. Der leichte, lockere Pinsel ist hier ganz Zunge dcr
Empfindung, dort in dem schmerzlichen, aber ergebenen Ringen, hier in der tröstenden
Hinnahme des aufrichtigen, zu jeder Sühne bereiten Kummers des Apostels.

So ist der Christus des Sevillaners ein milder reiner Mensch, desscn edles Antlitz
wie scin Herz immer dassclbe blcibt in thätiger Güte und Erbarmen und in sanftem
Dulden. Er ist nur in einzelnen Fällen bedeutend und erhaben, doch immer würdig
und kaum einmal Widerspruch erregend. Wer die schlichte Strenge des alten Christus-
thpus im Sinne hat, wird dieses in die schwarzen Bart- und Haupthaare begrabcne
Antlitz etwas zu spanisch findcn; aber daß man mit allgemeincn Schlüssen aus sehr
vielen Wcrken von gleichcm Niveau vorsichtig sein mnß, beweist der Gekreuzigte in
der Vision des heil. Franz. Hier ist der oft wiederholte Kopf durch Adcl der Linicn,
tics schmerzlichen und doch beruhigten liebevollen Ernst zum echten Bild des rcincn
Dulders crhoben worden. So möchte man sich einen Savonarola vorstcllcn, dcr vom
Scheiterhaufen aus den letzteu Blick eiues Getreuen erwidert.

Die Kirche der Kapuziner.

Bald nach Vollendung der Caridad wurde Murillo cin noch umfasscndcrcr Kreis
von Gemälden übertragen, das letztc llnternehmcn dieser Art: die Altarbilder für die im
Jahre 1670 vollendete Kirche der Kapuziner, vor dcm Thor von Cordoba. Dort hatte
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