Justi, Carl
Murillo — Leipzig, 1892

Page: 59
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Die Gemälde der Caridad.

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Die Gemätde der Karidad.

Murillo stand im Beginn der Fünfzig, als ihm die elf Gemülde für die Kirche
der Caridad anvertraut wurden. Hier konnte man ihn einst (bis zum Jahre 1716) viel-
seiüger denn irgendwo als Künstler kennen lernen und zugleich fich menschlich nahe fühlen.
Der Mann, der ihm zu dieser grvßten und glücklichsten Arbeit verhalf und auch wohl
die Stoffe angab, hieß Miguel de Makara Vicentelo de Leca, Ritter des Calatravaordens
(geboren 1626). Er hat keine Mauren getötet, aber nach einer stürmischen Jugend, „wo
er Babylon gcdient nnd den Kelch der Lust getrunken", die Pflichten der Christenliebc
mit heroischer Hingabe von Person und Habe erfüllt. Bei der Wartung Kranker war
er oft selbst erkrankt; mehr als 800600 Dukatcn soll er den Armen zugewendct haben,
uud „seiue Gespräche führten viele Sünder zur Verachtung der Welt und Liebe Gottes".
Jetzt beschloß er, sein Vermögen dcm Neubau des verfallenen Hospiz und dcr Ermita von
S. Jorge zuzuwenden, einst errichtet in den alten akaraWims (Arsennl) Alfons' X., in
der Nähe dcs Stromes. Er war lloriimno ina^or der Bruderschaft der Caridad, wclche
dic Verlassenen und die gesammelten Knochen der armen Sünder bestattete, letztere in
feierlichem Aufzug am Ostersabbath. Die neue Stistung sollte ein Haus sein für Trost und
Zuflucht der Pilger und Armen und ein Hospital für Unheilbare. Der Anfaug der
Arbeitcn wurde bestritten von dem Geschenk eines Bettlers, Luis, fünfzig Pesos, scin ganzes
Gut, damit diesem die Ehre werde, den Bau begonnen zu haben. Die einschiffige Kirche,
gcbaut von Bernardo Simon de Pineda wnrde 1664 vollendet. Seinen Rcsten (spüter
unter dem Altar beigesetzt) bestimmte der Stifter den Platz der Armen, im Portikus, und
die Tasel crklürt, „daß hier Knochen und Asche des schlechtesten Menschen ruhen, den die
Wclt gesehen". Er starb am 6. Mai 1679, 59 Jahre alt, im Gcruch der Heiligkeit. Jni
Kapitelsaal ist sein Bildnis von Valdes Leal. Noch blühen im Frühling acht Rosen-
bäume, die er im kleineu Garten gepflanzt hat.

Die Kirche ist im Barockstil, die Front schmücken füuf Azulejos-Gemälde, angeblich
nach Zeichnungen Murillos. Die Säulenhöfe und zwei Brunnengruppen, der Boden-
belag der Kirche siud von Marmor der Riviera. Für dcn sehr kostspieligcn, vcrgoldeten
Retablo mayor bestimmte er eine Grablegung in Estofadoschnitzwerk von Pedro Roldan, der
auch dcn betenden „Christus der Caridad" über eincm Scitcnaltar und die Statue der
Caridad auf dcr Kanzelhnube liefertc. Valdes Lcal malte im hohen Chor eine Kreuz-
erhöhung, und untcr ihm dic, Nichtigkcit irdischcr Größe, iudcm er, vornehme Gtmft-
gcwölbe erschlicßend, das grauenvolle Leben der Verwesung cnthülltc, behängt mit zer-

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