Justi, Carl
Murillo — Leipzig, 1892

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Christusdarstellungen.

Obwohl ferner diese Werke zu derselben Zeit und in eincm Zuge gearbeitet sind
nnd einen Gedanken ausdrücken, so ist doch in der künstlerischen Behandlung nichts von
einer unter svlcben Umständen fast unvermeidlich schcinenden Gleichförmigkeit der Dar-
stellungsmittel. Wüßte man nichts von ihrer Entstehuug, man würde sie vielleicht an
sehr verschiedene Punkte seiner Laufbahn verteilen. Wir sehen hier ungezählte Menschen-
mengen in der lockern Anordnung einer epischen Wandmalerei, plastisch geschlossene, ein-
fache Gruppen, Altarwerke in wohlausgerechnetem, von den Wohlklängen der Farbe be-
gleitetem Aufbau. Nachtstücke wechseln mit Tagesbildern, hier im weitvcrbreitetcn
Reflexlicht eines schweren Wolkenhimmels, dort im lichten Nebel der Mittagssonne;
dazwischen leuchtet der goldene Schein einer himmlischen Vision in dunkler Zelle.
Hier sinkt die Farbe fast zum bloßen Chiaroscuro, dort entzündet sie sich zum reichen
Einklang gesättigter, aus warmem Schatten hervortretender Töne. Oder cine Harmonie
kühler und leuchtender Tinten schwimmt auf der farblosen Flut eines südlichen licht-
getränkten Dunstkreises.

GHristusdarMungen.

Murillo hat den Stifter der Kirche gerne im Morgcn seines Lebens dargestellt, in
rührend kindlicher Schönheit und in ahnungsvollem Träumen, aber das Bild des Mannes,
des Erlösers, tritt auch bei ihm zurück gegen das der Mutter. Jn Zahl nicht nur, auch
in Bedeutung und Reichtnm der Charakteristik. Man begegnet ihm bald als Haupt-
person in mehr oder weniger figurenreichen Historien, bald als Leidendem in Andachtsbildern,
endlich auch als Erscheinung.

Eins der merkwürdigsten Bilder Murillos ist die Hochzeit zu Kana (Marquis of
Ailesburh). Man lernt den des Vollbesitzes seiner Mittel frohen Meister in diesem
heiligen Genrebild von einer neuen Seite kennen. Wie viel Kunst verbirgt sich
nicht in der Verteilnng der zweiundzwanzig Figuren um die Tasel, jede in ihrer Rolle,
keine leere Füllfigur! Welch reiche in kühl-hellem Ton gehaltene Farbenspiele, welch
feine Abtönung bei so geringen Unterschieden der Tiefe! Mit richtigem Takt hat er diese
neutestamentliche Hochzeit als intimes Familien- und Frcudcnfest gegeben, nicht als zer-
streutes, vornehmes Prunkgelage, wie es verweltlichten Orden als Dekorationsstück ihres
Riesenspeisesaals wohl gefallen konnte. Die güldenen und silbernen Gefäße, Gläser, Scha-
tullen sind der kleine Familienschatz, alt und echt. Christus, der leicht sich wendend dem
Diener die Anweisung erteilt, hat einen Zug von Ermüdung, wie sie solche langdauernde
Festlichkeiten höheren Menschen verursachen.
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