Justi, Carl
Murillo — Leipzig, 1892

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Selbstbildmsse.

Zügen und Haltung. Unter krausem, schwerem, schwarzem Haar schwarze Augen mit
schmaler Lidspalte, ernster Mund. Eine etwas trübe Stimmung geht durch: als seien es
Geschwlster'und Basen, welche sich hier die Freundin durch Vollzug des Gelübdes' für
immer geranbt sehen.

Nich't ohne Vewegung kann man dies letzte Gemälde betrachten. Das Kapuziner-
kloster (jetzt Jrrenhaus) liegt am hohen Kai, das Grollen der Brandung des Oceans
dringt an den Ufermauern hinauf, und wie ferner Donner in die stille Kirche. Möwen-
schwärme flattern im Gischt, nach den empsrgeschleuderten Fischen fchnappend; aber unsere
Gedanken werden hingezogen nach dem Wenen, auf den Bahnen des Columbus, hinweg
von einer alternden Welt. Dort'am Ende Jberiens, wo die Sonne Europas in den
Wogen der Atlantis versiükt, war es also Murillos Lebensschiff, nach langer, bewegter und
glücklicher Fahrt, bestimmt zu ftranden, zu zerschellen.

Jn einer Kapelle seiner Pfarrkirche von S. Cruz zu Sevilla stand über dem Altar
eine Tafel der Kreuzabnähme, von Peter de Kempeneer aus Brüssel. Jn diesem Mysterium
des Todesgrauens hatte sich der düstere Geist spanischer Andacht mit altflandrisch-
realistischer Herbigkeit und michelangelesken Erinnerungen zu einer Vision durchdrungen,
die uns, von Murillo's Gebilden ckommend, aus ein'er anderen Welt zu stammen scheint.
Vor diesem Dokument der.Gefühlsweise eines vergangenen Jahrhunderts pflegte nun der
gebrochene Mann oft stundenlang versunken zu knien, bis er durch das Zeichen zum
Schluß der Kir'che aus seinen Betrachtungen geweckt wurde. Befragt vom Sakristan
sagte er: Jch will-warten, bis jene heiligen Münner den Herrn niedergelassen haben. —
Die herabschwebende Leiche tvendet Nrme und Gesicht, in unheimlichem Zufall der Ähn-
lichkeit mit dem Leben, der knienden Mutter zu. — Es war unter dieser Gestalt also, daß
cr den Tod herannahen sah. Er verschied am 3. April 1682, in den Armen seines
Schülers Villavicencio. Vor demselben Altar habcn seine Gebeine über ein Jahrhundert
geruht; jetzt ist da eiu kleiner öder Plätz. Die Kirche S. Cruz wurde 1810 zerstört, von
denselben Händen, welche im-Jahre darauf aüch die Ruhcstätte des Velazquez, S. Juan
in Madrid, entweiht haben.

Seköstbildnisse.

Murillos Züge sind wohlbekannt, sie wurden schon im siebzehnten Jahrhundert
durch den Stich verbreitet. Alle die zahlreichen Gemülde und graphischen Verviel-
fältigungen, soweit sie Glauben verdienen, dürften auf zwei Originale zurückgehen. Jm
Todesjahr ließ Nicolas Amazurino sein Bildnis von Richard Collin zu Brüssel groß in
Kupfer stechen, der im folgenden Jahre auch eine kleine Wiederholung für Sandrarts
Akademie licferte. Nach der Untcrschrift diente als Vorlage das^ Gemülde, welches der
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