Justi, Carl
Murillo — Leipzig, 1892

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Der kleine Klosterhos von S. Francisco.

sich die großen Sevillaner bereits vor einem Vierteljahrhundert von jener Knnst
der Nachahrnung befreit; aber eine verspätete Bekehrung Pflegt gründlicher zu sein,
eine durch eigene Anstrengung errungene Freiheit wird um so höher im Preis ge-
halten. Zurbaran, in plastisch mächtiger Verkörperung seiner Modelle, der „Natur in
Ruhe", unerreicht, blieb in Handlung und Ausdruck starr und steif, seine Erzählung der
Legende im Bann hieratischer Bangigkeit. Der Zauber des Lebens war ihm verschlossen.
Welch ein Schritt von ihm zu der Unbefangenheit, mit der hier Gestalten, über die
jedcrmann zuständig war, die Rollen der Legcnde wie ihre eigene durchführten! Diese
spielend leichte Handhabung der Seelensprache, wenn auch nur in liebenswürdigen, freund-
lichen, milden Tonarten! Welche Hand, die diese Anekdoten hinzanberte, das Niegesehene
und Unmögliche so lebendig und glaublich machte, wie das, was jeden Morgen auf den
Gassen erschien! Waren die Tage wieder gckommen, wo die Engel Gottes sich bei den
Patriarchen zu Tisch luden?

Man sieht, dieser Künstler ist gleich in seiner ersten, freien Arbeit ganz er selbit.
Die sonst bei seinesgleichen fast nie fehlenden Jahre der Befangenheit und Härte, wo sie
sich selbst so nnähnlich sehen, fallen aus. Darin liegt das Merkwürdige dieses Franzis-
kanercyklus, bei aller Flüchtigkeit, welche der Charakter solcher Bilder und die Art der
Entstehung mit sich brachte, und bei den technischen Mängeln eines ersten Versuches.
Auch die stete Abwechselung in Ersindung und Beleuchtung kündigt bereits jene Uner-
schöpflichkeit der Hilfsquellen an, die Lenten seines Rangs nicht zn fehlen Pflegt.

Murillo hat sich in solchen Mönchsgeschichten — dem Lieblingsfeld Zurbarans —
selten wieder versucht, wohl aber noch oft Gruppen und große Folgen gemalt, die wie
unsere Kreuzgangsbilder anderswo ohne Zweifel in Fresko ausgeführt worden wären.
Diese Technik war in Spanien verloren gegangen. Selbst Kuppel- und Gewölbemalereien
mußten dnrch Tapezirungen mit Leinwandbildern in Öl ersetzt werden. Jn solchen das
Fresko stellvertretenden Serien für hohe Kirchenwände hat Murillo seine größten Er-
folge erzielt. Vielleicht wäre er in Welschland ein Freskomaler geworden. Das blieb
nicht ohne Wirkung anf seinen Stil. Er mnßte dic Vorteile des Fresko, sür welches
die romanisierenden Meister des vorigen Jahrhunderts in Sevilla gute Vorbilder hinter-
lassen hatten, der Leinwand zu erhalten suchen. Solche Aufgaben lenkten sein Ange auf
die große Gesamtwirknng, beförderten den breiten, resoluten Vortrag, gewöhnten an
die Rücksicht auf Ort und Licht: sie schränkten die Willkür des Staffeleibildes ein, ohne
die Vorteile der Öltechnik aufzuheben.
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