Kerschensteiner, Georg
Die Entwickelung der zeichnerischen Begabung: neue Ergebnisse auf Grund neuer Untersuchungen — München, 1905

Page: 449
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§ 9-

Das Stoffgebiet des Zeichnens an den allgemein-
bildenden Schulen.

Nachdem wir die Notwendigkeit eines im Dienste der Ausbildung
der Gesichtsvorstellungen stehenden Zeichenunterrichtes für all-
gemeinbildende Schulen erkannt haben, sind wir nunmehr vor die
Frage gestellt: Wie ist dieser Zeichenunterricht einzurichten? Das
Bestreben, über diese schon vielfach erörterte Frage Klarheit zu er-
halten, war es, das mich zu den vorausgehenden, umfangreichen
Versuchen veranlasst hatte. Denn die Antwort auf diese Frage ist
nicht bloss abhängig von dem Stoffe, an dem wir die praktische Aus-
drucksfähigkeit des Kindes entwickeln wollen und der so viele Jahr-
zehnte hindurch vom abstrakten Ornament geliefert wurde, sie ist
nicht nur abhängig von den Forderungen oder den Grundlagen aller
zeichnerischen Künste überhaupt und nicht bloss von den Gesamt-
einrichtungen, auf die unsere Volks- und Mittelschulen heute noch
angewiesen sind, sondern auch von der Entwickelung der zeichne-
rischen Begabung beim Kinde. Die Vernachlässigung eines dieser
vier Gesichtspunkte muss immer zu einseitigen oder übertriebenen
Forderungen führen, und tatsächlich Enden wir in der überreichen
Literatur, welche in den letzten Jahrzehnten dem Zeichenunterrichte
gewidmet wurde, kaum ein Beispiel einer klaren Auseinander-
setzung mit den erwähnten vier Bedingungen. Wir wollen daher
ihnen im folgenden nachgehen und wenden uns zunächst zur Frage
des Stoffgebietes für den Zeichenunterricht.

Nachdem das Zeichnen die Aufgabe hat, die Gesichtsvorstellungen
auszubilden und damit die Fähigkeit zu fördern, die uns umgebende
Natur zu beobachten (allerdings nur in bezug auf Form und Farbe),
können zunächst alle Dinge, deren Vorstellung wir durch das Auge
gewinnen, Gegenstand des Zeichnens sein. In der Tat schreckt

Die Bedingungen
des Zeichenunter-
richts.

Stoffe des An-
schauungsunter-
richtes.
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