Kissling, Hermann
Türen in Schwäbisch Gmünd — Schwäbisch Gmünd, 1982

Page: 99
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kissling1982/0101
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Es ist die Zeit der ersten Phase des Wiederaufbaues. Bis heute grenzt es
an ein Wunder, wozu das geschlagene Volk physisch und psychisch
fähig war. Doch die Kriegsgeneration muß sich auch Vorwürfe gefallen
lassen (das Alter des Schreibers gibt ihm das Recht, das zu sagen). Ihre
Architekten scheinen im Krieg über ihr Bauwesen wenig nachgedacht zu
haben. Und wenn sie es getan hatten, waren danach die Zwänge der
Trümmerlandschaften und die Probleme der Obdachlosen größer als die
besten Vorsätze zu einer humanen Architektur. Was um 1950 entsteht,
knüpft an das unselig Vergangene an. Selbst Türen können wir als
objektivierte Zeugen aufrufen. Die Stäbchentür Sebaldstraße 30 („Flo-
rian" 1950) möge genügen.

Und dann steht die Industrie in unserem Land wieder auf, wie nie zuvor.
Und sie produziert alles und jede Menge. Bei der Modernisierung der
Geschäfte, die grundsätzlich mit der Entfernung der alten Ladentüre
beginnt, bringt sie ihre Produkte an.37 Es sind in den fünfziger Jahren die
Glastüren mit ihrem eloxierten Rahmen und der schrägen Griffstange.
Ende jenes Jahrzehnts zeigt sich in der Architektur eine Hörigkeit
gegenüber dem posthumen Bauhaus, dessen „Kubismus" und Funktio-
nalismus mehr oder weniger verstanden werden. Widersprüche werden
nur piano formuliert, denn man läuft Gefahr, darob in die braune Ecke
gestellt zu werden. Im Wohnungsbau ist jetzt die Türe nichts als ein
Blatt mit Beschlägen (s. Franz-Konrad-Straße). In deren Nachfolge
erhalten die Türen bei breiter werdendem Vorraum seitliche Glasstreifen
zur Belichtung. Solches ermöglicht Varianten der Gestaltung. Individua-
61 listen sind damit noch nicht zufriedengestellt, wie man an der Gustav-
Leutelt-Straße 5 sieht. Auch die Architekten hängen immer weniger an
den Schemalösungen, wie die neuen Häuser am Schirenhof zeigen.
Damit sind wir bei der Gegenwart angelangt. Sie läßt auch Versuche
erkennen, Türen mit getriebenem Kupferblech zu überziehen. Wenn wir
nur die Handwerker hätten, die daraus etwas zu machen verstünden.
Von den metallgefaßten Glastüren mit ihren schneidenden Alu-Profilen,
die längst ihren zweifelhaften Siegeszug von den Geschäften und Büros
über die Miet- bis zu den Einfamilienhäusern angetreten haben, wollen
wir gar nicht mehr reden. Nicht mehr von ihrem Styling, der Beliebig-
keit ihrer Formen, die von einem Designer kommen, dem auferlegt ist,
die mit wirtschaftlichem Aufwand hergestellten Produkte immer wieder
neu einzukleiden. Sie sollen unter dem optischen Verschleiß, dem alle
Massenprodukte unterliegen, begehrenswert gehalten werden, wenn-
gleich keine technischen und funktionellen Verbesserungen daran vorge-
nommen wurden.

Reden wir lieber von erfreulichen Bemühungen und geglückten Lösun-
gen: Von dem Nachbau einer der ruinierten barocken Türen des Hauses
loading ...