Kladderadatsch: Humoristisch-satyrisches Wochenblatt — 3.1850

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Fanny Lervnw hat Äkcht.
Diese Rachel kann man nicht vergessen, niemals, niemals, niemals, wie ein großer Redner der Gegenwart sagt. Mit einer kurzen
Bewegung der rechten Hand drückt sie die Unsterblichkeit aus, mit einer Bewegung deS linken Hinterschenkels die ganze Inbrunst einer in
Liebe sich opfernden Vestalin, mit einem Zittern deS linken Zeigefingers die dumpfe Verzweiflung deS Schmerzes. Welche Wehmulh spielt
um ihre Hüften, wenn sie den Geliebten anschaut! welch' unnachahmlicher Ausdruck, wenn sie den sterbenden Bruder sieht und durch eine
Wendung des Ellenbogens die tiefe Verachtung deS Lebens bezeichnet! Und ihr Auge! wenn sie mit gesenktem Blicke zum Himmel schaut,
die Ruhe, wenn sie geht, die Bewegung, wenn sie steht, diese Plastik, welche eine bildende Kunst ist, diese Malerei in der Sprache, diese Musik
im Anzuge! — O diese» Auge! mit dieser magnetisch tranScendenial nervösen Intensität somnambulistischer Clairvoyance — es liegt in ihm
daS wundersame Gebeimniß einer demanlschillernden Mondschcinnachl des Orient» wie nicht minder der märchenhafte Nebelschleier Ossianischer
Phantasie! — O dieses Auge! — Die Rachel kam mir vor wie die menschgewordene Apokalypse deS Unbegreiflichen. Erst eine halbe
Stunde nachher konnte ich Thränen deS Entzückens und der Schmerzen weinen und einen Cürassao genießen, weil daS Büffet zu stark von
den prosaisch durstigen Deutschen belagert war. Jenny.

Schreiben des Baron v. Prudelwitz an den Baron v. Strudelwitz.
Lieber Baron! Willisen? Pah! Horst? Pah! von der Tann? Pah! Abenteurer! Armee von Bummlern. Rebellen,
weiter nichts. Haben die Kerls die Effronlerie, verlangen von unS Officiere! Auf Cravatte! reines Glück, daß wir nicht mehr commandirt
sind. — Dänen, prächtige Kerls, auf Cravatte — schade um Schleppegrell, hätte die Rebellen noch waS zu beißen gegeben. S. Kaiser!,
Hoheit Großfürst Konstantin werden nachhelfen. Ganz recht, wenn die Bummler zusammenkarlälschl und geschleppgrellt würden —
famoser Witz — auf Cravatte, besorgen Sie ihn an Freund Gödsche.
WaS sagen Sie zu Hainau? Scandal, aber für unS gut, denn mit den andern Generalen werden wir fertig. Kann nicht sagen,
daß ich gegen Oesterreich Krieg wünsche, habe hier eine deliziöse Pussade, schmal gebaut, küßt wie Minna, Abkunft gemein aber Geld an-
ständig, hat an mir einen Narren gefressen. Ganz natürlich!
Grüßen Sie Minna und meine Frau. Ihr
Prudelwitz.

Schreiben des Baron v Strudelwitz an den Baron v. Prudelwitz.
Lieber Baron! Die verdammten Manichäer! — Wo sie noch immer Ihren Humor hernehmen — mir unerklärlich. Wenn ich nicht
bald versetzt werde, muß ich fort, lauter Ehrenschulden, kann sie aber nicht bezahlen auf Ehre! Können Sie nicht von Ihrer Kleinen? —
Sie verstehen! — bin gern zu Gegendiensten bereit. ES ist schändlich, daß Alles ruhig ist, weil keine Feldzulage. Wozu die Anleihe?
Willisen ist geschlagen, versteht nichts von Krieg, hätte gleich Jütland besetzen müssen. Ueberhaupt ein dummer Krieg. ES ist fatal, daß
in Dänemark dänisch gesprochen wird, würde sonst die Bataille gegen die Rebellen milmachen. Urlaub würde ich schon bekommen.
Wenn eS Ihnen also möglich ist — nur 10 LouiS, ich kann mich nicht blamiren — auf Ehre! Minna ist auSgezogen, hat jetzt
den reichen Holzjuden. WaS so ein Holzbock in unsrer Schmetterlingssammlung will?! — Verzweiflung macht mich witzig, ich rechne auf
Ihre Freundschafr. S t r u d e l w i tz.

FerriL
.Uns will es bedünken, als schlummre der erwürgt geträumte Genius
de» Deutschen Volkes nur und als werde er mit neuer Kraft verjüngt einst
dieses Werk, das Hochmuts» und Rache aufzimmern, mit einem einzigen
Schlage zermalmen.
Die aber, welche heut in ihrem Uebermuth lachen und spotten, werden
gewiß noch Gelegenheit finden, in andern als Deutschen Ländern
über die Wahrheit unsrer Aussage unfreiwillig und schmerzenreich
nachzudenken. Vor der Hand werden die Loose geschüttelt und die Krisis
wird eine vollständige werden."
Sollte dem Herrn Staatsanwalt diese Prophezeiung einer ebenso radi-
kalen als nothwcndigcn Revolution in unserm Blatte polizei-widerwärtig
und -faßlich verkommen, so wolle sich Derselbe hochgeneigtest an das Vosstsche
Löschpapier halten, und zwar an dessen Nr. 173, 1. Beilage.
Wir aber waschen uns wie Herr Pilatus.

Warum geht Hayn au in die Wasserkur nach Gräfenberg?
Weil eS keine Arznei giebt, ihn von seinen alten Sünden zu reinigen,
und weil ihm das Blut zu Kopse gestiegen ist.

l e t o n.
Der Tischlermeister Rüge ist zu 4 Wochen Gefängniß verurtheilt wor-
den, weil er zum Gewerks-Assessor Risch gesagt: der Verstand sitzt nicht in
der Brille, sondern im Kopfe.
Er soll sich bereit erklärt haben, wenn ihm die Strafe erlassen wird,
dem Herrn Risch zu erklären: der Verstand sitzt nicht im Kopfe, sondern
in der Brille.

Die Neuner-Commission in Frankfurt hat die Beschlagnahme derBundeS-
kasse beschlossen.
Wenn das nicht Hassenpflugs Werk ist, so will ich Haynau sür
Eli hu Burrit und den Dänischen Frieden für ehrenvoll halten.
6 i r i ».

Die Corresponden; Haynau's mit der Oesterreichischen Regierung ist
von einem flüchtig gewordenen Oesterreichischen Osficier gestohlen worden.
Vorher soll Herr Bach oft geäußert haben: die ganze Correspondrnz
mit Haynau könnte ihm gestohlen werden. Jetzt, da ihm dieser
Wunsch erfüllt ist, wünscht er, daß der Dieb seine Beute nur nicht Heraus-
geber! möchte.
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