Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 40.1887

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Pariser Brief.

2ch schreibe Ihnen diesmal nichts von der Mode.

In Paris gibt es augenblicklich nur eine einzige Mode.

Boulanger.

Man spricht nur von ihm. Man ißt, man trinkt, man raucht und man
trügt ihn. Man schwärmt von ihm, wenn er groß dasteht, wenn er wackelt;
ja selbst, wenn er ganz klein werden sollte, wenn er fiele, würde man ihm
zujauchzen.

Boulanger ist die populärste Figur in Paris bei Groß und Klein.
Mit seinen Soldaten steht er auf L» und du, namentlich seinerseits. Sie
schwärmen für ihn aus und gehen beim Exerciren für ihn durch alles
Mögliche.

Um Boulanger dreht sich jetzt alles. In jeder Unterhaltung handelt
es sich uni ihn. Man erzählt von ihm die ältesten Anccdoten mit stets neuer
Bewunderung.

Ich schicke Ihnen einige, die den Helden kennzeichnen.

Bekanntlich hat der General einen unförmlich großen Kopf zu seiner
zierlichen kleinen Gestalt. Als er noch die Schule besuchte, sagte eines Tages
der Lehrer zu ihm: „Herr General, Sie haben einen der dicksten Köpfe, aber
es geht nichts hinein." „Weil schon alles darin ist," erwiderte, schnell gefaßt,
Boulanger. Und so war eS auch. Man braucht ihn nur anzusehn, um das
Treffende dieser hervorragenden Selbstkenntniß zu begreifen.

Schon im Jahre 1868 trug er nichts im Kopse als Revanche. Er hatte
einen Pudel, welcher der Liebling des Regiments war. Er taufte ihn Revanche.
Alles lachte über den kleinen Dickkopf. Heutzutage versteht man ihn bester.

1870 stand er mit nur 300 Mann, lauter Rekruten, in einem Hohlwege
bei Maupilee. Landleute riefen ihnen zu, daß die Preußen kämen und mit
ihren Kugeln die Sonne verfinsterten. „Gut," sagte der General, „so werden
wir uns im Schatten zurückziehen." Und er that es. Kein Mann ging ver-
loren, und der General wurde hinter der Front zum Colonel gemacht.

In dem Orte, wo er in Garnison stand, brach einmal ein
Bäckerstrike aus. Populär, wie er schon damals war, mischte er sich ganz
allein unter die aufgeregte Menge und sagte gutmüthig: „Geht ruhig »ach
Hause und backt euer Brot." Da erschallte ein homerisches Gelächter, die
Bäcker riefen: „Das will ein Boulanger sein und weiß noch nicht einmal,
daß wir unser Brot nachts backen?" Hierauf zerstreuten sich die Mißver-
gnügten, vergnügt über den zerstreuten General.

Als bei einer Truppenübung der Vorbeimarsch unordentlich ausfiel,
ries er den Soldaten in seiner schneidigen Weise zu: „Macht eure Sache
beffer und bedenkt stets, daß nun schon fast 41 Jahrhunderte von den
Spitzen eurer Bajonette auf uns herabblicken!" Dies heroische Wort hat ihm
die Armee bis auf den heutigen Tag nicht vergessen.

Als das vorige Ministerium, in welchem er bekanntlich auch schon das
Ressort des Krieges verwaltete, zurücktrat, erwartete man von Boulanger,
daß er mit demselben stehen und fallen würde. Er that aber nicht der-
gleichen und sagte nur in seiner einfachen Weise: „J’y suis, j’y reste". Auch
eines jener unvergeßlichen Worte, wie sie nur großen Männern in den Mund
zu kommen pflegen.

In der geographischen Gesellschaft zu Paris, deren Ehrenmitglied der
General ist, erkundigte man sich angelegentlich bei ihm, nach welcher Himmels-
richtung wohl Straßburg läge. „Das ist mir ganz gleich", entgegnete der
tapfere Haudegen, „wo es auch liegen mag, ich werde es der Republik
zurückerobern, und wäre es mit Ketten an den Himmel geschmiedet." Solche
Worte, von einem solchen Manne gesprochen, verfehlen nie den tiefsten Ein-
druck zu machen und leben unsterblich im Munde des dankbaren
Volkes fort.

Der General befand sich eines Abends in einer Gesellschaft, in welcher
die Tagesfrage — Krieg oder Friede? — schon bis zur Erschöpfung durch-
gesprochen war, ohne erledigt zu sein. Boulanger hatte sich an jenem
Abend heftig für den Krieg ins Zeug gelegt. Eine Pause trat ein, und man
sprach von der mißlichen Lage der Geschäfte im allgemeinen. Dies ver-
stinimte augenscheinlich den General. Er entfernte sich aus dem Kreise der
Wortführcnden und trat an das Fenster. Nach seiner Gewohnheit trommelte
er mit den Fingern auf der Scheibe einen Sturmmarsch:

Rataplan, rataplau, rataplan, plan, plan!

Da hörten die Umstehenden, wie er halb laut zu sich selber sagte: „Ich
wollte, eS wäre Abend und die Preußen kämen."

Trotz aller Mühe blieb kein Auge trocken.

Der General, welcher wirklich etwas von der Jungfrau von Orleans in
sich haben so», ist keineswegs, wie fälschlich verbreitet wurde, ein Vercingetorix.
Dagegen soll seine Gemahlin allerdings aus dieser alten Familie herstammen.

Bo »langer ist übrigens etwas verstimmt über seinen einfachen Namen.

Neulich sagte er, niedergeschlagen über die hohe Friedensliebe der Staats-
leiter: „Boucher hieß ich gern, Boulanger muß ich mich nennen."

Ja, edler Kämpe für das, was in jeder französischen Brust am heißesten
glüht, wenn du als Boulanger dem Erbfeinde das letzte Brot gebacken hast,
sollst du der Boucher der französischen Republik genannt werden, wenn nicht
noch mehr! Erna Plisse.

P.S. Das Hütchen, sauber mit Kanten besetzt und
mit Federn geschmückt, keck auf einem Ohre. Der
Kragen mit Stickerei in Gold. Die Brust dicht mit

Orden bedeckt. Die abfallenden Schultern-

ach entschuldigen Sie!! ich denke nichts als Bon lang er!

Herrn Len,;mann.

O sprich, was zogst du hinaus an den Rhein?
Dort klinge» jetzt fröhlich die Schellen,

Es reden im närrischen Verein
Unzählige lust'ge Gesellen.

Genug der Narren trifft man an,

So lange der Fasching mag währen,

Im fröhlichen Rheinland, und man kann
Die importirten entbehren.

.Offene Erklärung.

In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 28. Januar erklärte
Excellenz Windthorst nach rechts hin: „Sie, meine Herren, springen natür-
lich in den tiefften Brunnen, wenn's der Kanzler befiehlt; ich dagegen sehe
mir den Brunnen erst an, wie tief er ist, bevor ich hineinspringe."

Dazu bemerken wir: Aus dem, was Herr Windthorst gesagt hat, geht
hervor, daß er unter gewissen Bedingungen bereit ist, in einen Brunnen zu
springen. Ist das nicht unüberlegt? Wie leicht kann er sich, kurzsichtig wie
er ist, in der Abschätzung der Brunncntiefe täuschen. Und wie will er aus
einem auch nur einigermaßen tiefen Brunnen wieder herauskommen, wenn er
auch glücklich hineingelangt ist, ohne sich etwas zu verknacksen?

Nein, was uns betrifft, so erklären wir rund heraus: wir springen über-
haupt in keinen Brunnen. Selbst wenn Bismarck, selbst wenn der heilige
Vater, selbst wenn Windthorst es befiehlt: wir thun es nicht.

Die Gelehrten des Kladderadatsch,
SU'tl'eihiiiB für Springbrunnen und Bruimensprange.

0»8 der Iefuilenfchute.

In der Jesuitenschule zu Innsbruck bereiten die Zöglinge der ersten
Abtheilung sich eifrig auf die große Oslerprüfung vor. Für die schriftliche
Hauptarbeit ist ihnen zwischen folgenden beiden Aufgaben die Wahl gelassen:

1. Der Bischof Kopp ist als ein Abtrünniger und Verräther zu brand-
marken, ohne daß dabei die schuldige Ehrfurcht dem heil. Vater nutz dem
Staatssecretair Jacobiui gegenüber verletzt wird.

2. Ein Politiker soll sich erst nachdrücklich für das Septennat aussprechen
und dann die Unannehmbarkeit desselben Nachweisen, ohne mit sich selbst in
Widerspruch zu gerathen.

Sämmtliche Zöglinge haben die erste Aufgabe als die bei weitem
leichtere gewählt.

Erfreuliche Lusfichl.

Herr Langwerth von Simmern hat vor einer Versammlung welfisch
gesinnter Wähler erklärt, daß er sich von der Gefolgeschaft des Centrums
iosgesagthabe, weil die CentrumSpartei in Gefahr schwebe, eine
Regierungspartei zu werden.

Ans den Jeremiaden der „Kreuzzeitung" erfährt man, daß schon jetzt die
Nationalliberalen die eigentliche Regierungspartei bilden, während in fort-
schrittlichen Blättern täglich mit dem Zaunpfahl darauf hingewiesen wird,
daß die Freisinnigen im Begriff stehen, die Leitung der Geschäfte zu über-
nehmen. Nehmen wir nun an, daß die Conservativen und Freiconservativen,
dem Gesetz der Trägheit folgend, ihre Stellung zur Negierung auch fernerhin
behaupten werden, so stehen wir unmittelbar vor dem Eintritt in die Zeit,
da der ganze Reichstag nur eine große Regierungspartei bildet und endlich
Eintracht und Zufriedenheit im ganzen Reiche berrscht.
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