Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 40.1887

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c^S© Briefkasten, f§So

Amerika. Nachricht von der deutschen Lehrerin
Frl. Amalie Lemke oder über dieselbe erbittet
die Nedaclion dieses Blattes. Die letzten Nach-
richten von der Genannten, welche seitdem durch
Briese nicht mehr zu erreichen war, gelanglen'vor
mehr als Jahrcsscist ans New Jork hierher.

Berlin. Lmici »onnnlli: Das „Berliner
Tageblatt" vom 16. November spricht von einer
Dame, ivetche die Absicht habe, „in den Orden
zum heiligsten Kreuz (saerd coeur) einzutreleu." —
Dag coeur nicht Kreuz, sondern Herz ist, sollten
doch gebildete Leute schon ans dem Kartenspiel
wissen. — F. H.: Der „Berliner Börsen-Cvnrier"
schreibt über Wilsons Augen: „Sic irrlichlen
über die Gegenstände der nächsten Umgebung hin,
nie richtern sie sich srank und frei aus ei» anderes
Augenpaar." — So lebhasl schwebt das Bild des
großen Parteiführers immer seinen Anbetern vor,
das, dadurch sogar die Orthographie derselben beein-
trächtigt wird. — Die Tante Bo st rühmt es
der Berliner Bevölkerung nach, dast sie ivährcnd
der Anwesenheit des Zaren „den Verhältnissen
Rechnung getragen" habe. Kann sich die Alte
gar nicht das entsetzliche „Rechnung tragen" ab-
gewöhnen? — Gotihils: Wenn ein kupferner
Kessel als Preis ausgesellt würde für den lang-
weiligsten Zeitungsartikel, so müstlen die Preisrichter
— wenn sie ehrlich ivären — trotz der ungeheuren
Concurrenz aus diesem Gebiet den Preis dem Ber-
sasser der Wochenplaudereien in der „Freisinnigen
Zeitung" zuerlheilen. — A. F.: In de», Bericht
über eine im Grunewald abgehaltene Parforce-
jagd sagt die „Freist Zeit." (Nr. 274): „Bon

der Meute nur kurze Zeit gefolgt, machte die Sau
plötzlich Kehrt und nahm eine drohende Haltung
au. Bo» den Hunde» dicht gefolgt, griffen diese
ganz energisch an, während die Bache ebenso
energisch mit den Hauern »in sich schlug." Das
ist allerdings der richtige Saustil!

Braunschweig. G.: lieber die letzte Monats-
versammlung der Baugewerke-Innung berichten
die „Braunschweiger Anzeigen" (Nr. 271): „Herr
Hofzimmermeister Gerecke erstattete hierauf Bericht
ilber die Explosion der Mühlengebände in Hameln,
zu welchem Zwecke mehrere photographische Ab-
bildungen der Mühle vor und »ach der Explosion
ausgestellt waren. Redner, der vor einigen Tagen
an Ort und Stelle gewesen war, schilderte zunächst
die Lage und Constructioii der Mühle vom tech-
nischen Standpunkt aus und wies darauf hin,
dast, tvie man allgemein annehme, der Grund der
Entstehung der surchtbaren Explosion aus Getreide
zurückzusühren, welches aus Sumpsbodeu gewachsen
ist, beim Lagern Sumpsgas und in Verbindung
mir hinzulrelendein Feuer Knallgas erzeugt hat."
Ob diese Auffassung begründet oder ebensälls auf
Sumpsbodeu entstanden ist, können tvir nicht ent-
scheiden

Ealbc a. 0. Saale. H. N.: In Nr. 237
des Erfurter ..Allgemeinen Anzeigers" wird ..eine
junge Dame von guter Normalsigur, 06 cm,"
sofort zu engagiren gesucht. 06 cm Höhe oder
Taillenumfang?

Deffau. Herzogliche Intendanz desHvs-
theaters: Unsere Briefkastennoliz der vor. Nr.
unter Magdeburg beruhte mit Einschlust des die
Intendanz des- Herzog!. Hoftheaters in Dessau be-
treffenden Passus auf einer Mittheilung, ivelche
uns von der Direcliou des Stadtlhealers in
Magdeburg zugegaugen war. Wir erfahren jetzt
durch Sie, dast diese Notiz, was Ihre Stellung
gegenüber Don Juans Civilstandsverhältniffcn
angeht, auf Jrrthuni beruht. Auf Ihrem uns
eingesaudlen Theaterzettel vom 29. Oct. d. I. ist,
obwohl von'Ihnen die Bearbeitung Dieckes zu
Grunde gelegt wird, Elvira nicht als Don
Juans Gemahlin aufgeführt. — Und nun über-
lassen wir die Frage: „War Don Juan verhei-
rathet oder nicht?" anderen Blätterii.

Tudelaiigc. M. R.: Die „Escher Zeitung"
(Nr. 38) benachrichtigt ihre Leser davon, dast an
den Montagen und Dienstagen das Schlachthaus-
personal in Esch die beste Zeit und Gelegenheit
hat, „dem Schlachtvieh der Particuliers ihre Auf-
ivarlniig zu machen." — Welch ein grausanier
Ausdruck!

Güstrow. S.: Das Wehgeschrei des Herrn
Pastors Plast in Krakoiv über das ih»i vvrent-
haltenc Opfer ist bereits von Seilen der öffent-
lichen Meinung an den dafür geeignete» Pfahl
angeheftet worden.

Halle. Z-: Sehr hübsch sagt der Kritiker des
„Halleschen Tageblatts" (Nr. 273) in dem Bericht
über eine Tellvorstellnng: „Die Leistung Herrn
Sprotles kan» in bündigster Kürze mit „welleu-
sörmig" bezeichnet werde»; der Wellenberg war

die Apselschustscene, die unterste Stelle des ThalcS
der Monolog; a» diese Hauplwelle schließen sich
vom und hinten je eine Nebcnwelle an."

Hamburg. B.: In einem Feuillelo» de?
„Hamburgischeii Correipondenlen", welches „T
Musikgemahl" überschriebeu ist, heistt es: „§
lächelte ihm sreuudlich zu und blickte ivieder n
den Ohren und mit der Seele nach Fräulein
Biambarazzi hin."

Hanilovcr. Abonneiilen: I. Nein. 2. Er

wurde cs 1887. 3. Können wir nicht jagen.

Heide. Zwei Abonnenten: Ans der

Civilliste.

Heidelberg. W. „Die Erde" — heißt es in
einem Winter-Artikel des „Heidelberger Tage-
blattes" (Nr. 268) — „ist kein Paradies, zumal
jetzt entfernt sie sich mehr »nd mehr von dem Zu-
stande eines Paradieses, wo der bewaffnete Friede
mit seinen viele» Millionen Bajonetten und
Kanoneu jeden Augenblick sein fieberhaftes, von
Conviilsionen durchzucktes Dasein ausgebeu kann.
Gleich einer kalten, klaren Winternacht, wo die
:rstarrt, so erscheint E>
alle Triebe der Menschheit in dem

die Kunst gleich kalten Sternen aus entlegene»
Zonen hcrunterglänzt, der purpurne Morgen des
Lichtes anbrcchcn, ivelchkr die Kälte verscheucht und
der Well die Sonne wiederscheukt. Möge es kein
blutiges Mvrgenroth sein, wo der Donner der
Kanonen die Posaune» des Weltgerichts ersetzt." —
Wie hochpoetisch!

Köln. A. H.: Nein, man dars's nicht.

Lübeck. M.: Diese persönlichen Zänkereien
haben wohl nicht einmal für Lübeck ein Interesse.

Mannheim. W.: Der „General - Anzeiger
der Stadt Mannheim und Umgebung" (Nr. 275)
sprich, von dem „Reiskanzler". Ohne Zweifel
ein indischer Würdenträger.

Montpellier. Oivis Germanicus. „La
France“ vom 18. November schreibt über den
neuen Straßburger Bischof: „ül. Raess est rem-
place par so» coadjuteur, M. Stumpf. Le
nouvel evÄqne est »ö ä. Egnisheim le 21. sep-
tembre 1882". — Das chauvinistische Blatt ist
schlecht unterrichtet. Mit so jungen Jahren wird
man in Deutschland »och nicht Bischof, erst muß
man sein Jahr abgedient haben.

Münster. O. B.: Ihr Herr Theaterdirector
scheint die Bewohner Münsters für sehr schreckhaft
zu Hallen. Der Anzeige des Stückes „Kean" hat
er auf dem Theaterzettel zweimal die Bemerkung
beigesügt: „Das Publicum ivird ersucht, sich durch
die aufregenden Scene,, der 5. Abth. nicht zu be-
unruhigen, sondern ruhig auf den Plätzen zu
bleiben." — Bisher galten die von Schinken und
Pumpernickel genährten Westfalen für nicht so sehr
ängstlicher und leicht erregbarer Art.

Osterode in Ost-Pr. X. ?).: Im „Osteroder
Kreis- und Anzeigenblatt" Skr. 91 findet sich
folgende liessinnige Betrachlung: „Lyck, 7. No-
vember. Wenn man so der russischen Grenze ent-
langjährt, schaudert es einem ordentlich vor Krieg
bei dem Anblick der vielen Soldaten, und dennoch
lebt und webt 'Alles friedlich, Menschen wie Biel,
nebeneinander trachten sich zu erhallen, jedes Wesen
nach seiner Art; und eben diese Art -erweckt das
Hvfsen, das die das Geschick der Staaten lenkenden
Männer uns auch fürder vor Krieg zu beivahren
irachieu iverden nach ihrem Vermögen. Wenn man
heule Morgen zwischen Prostkcn und Lhck fuhr,
konnte mau sehen, wie Wagenreiheu preußischer
Bauern »ach Grajewo eilten, um dem heute stall-
sindenden Jahrmarkt mit ihren Produkten zu dienen,
und Grajewo ist russische Stadt." Hoffentlich er-
hält sich neben den Menschen und dem Vieh auch
das „Osteroder Kreis- und Anzeigeblalt" „nach
seiner Art."

Psorta bei Naumburg, »r. W. Noeldchen:
Der Einsender hat Sie allerdings mistverstanden,
verführt durch das Kolon. Ein Punkt an Stelle
desselben würde jeden Jrrlhum verhütet haben.
Wir geben auch zu, dast der Einsender, wenn er
mit Nachdenken ein paar Zeilen weiter gelesen
hätte, seinen Jrrthuni hätte erkennen müssen. So-
mit sind Sie eiitlastet von dein Verdacht, in noch
dazu hervorragendem Maste einer modernen lite-
rarischen Unsitte zu huldigen, welche die Leclüre
mancher Bücher geradezu uuerlräglich macht.

Potsdam. Bei I. IS. E. Bruns in
Minden erschien soeben: „Von drinnen und
drausten, Gedichte von I. Trojan" und: „Von
Strand und Heide und andere Skizzen" von
demselben Versajser. — Ans dem Verlage von
Otto Drewitz Nachs. (B. Nngersteiu) in

Berlin erhielten wir: „Neue Märchen und Er-
zählungen von Karl Wulff" mit Farbendruck-
Illustrationen nach 'Aquarellen von Marie
Koch. — Aus der Schulze'schen Hosbuchhandlung
in Oldenburg und Leipzig gingen uns folgende
empsehlensiverthe Werke zu: „Römische

Schlcndertagc von Hermann Allmers"
(6. Ausl.). — „Die Hexe. Trauerspiel von
A. Fitger" (5. Ausl.). - „Winleruächie, Ge-
dichte von A. Fitgel" (3. Ausl). — „Das
Buch der Leidenschaft von E. Ritterhaus"
(3. Ausl.) und „Aus den Sommerlaqen"
von demselben <2. Ausl.). — Licderborn, Ge-
dichte von Emma Croon-Mayer" (2Aufl.). -
„D a s 300jährige erste Fa u st - B „ ch von
Karl Engel. - „Zwischen Ems und
Weser, Land und Leute in Ostsriesland von
Franz Poppe." - „Afrikanische Juris-
prudenz, elhnologisch-junstiiche Beiträge zur
Kennlniß der einheimischen Rechte Afrikas von
vr. Albert Hcrmanu Post"

Ouersurt. F. v. N.: Das lhäte jetzt nicht gut.

Riga. Stammtisch im Römerkeller: Der
erste 38 — 42 — 46 Thaler monatlich, der zweite
800 — 1000 — 1200 Thaler jährlich. — X. g.;
Von der Liebenswürdigkeit, mit ivclcher die Be-
wohner der Ostseeproviuzcn von russischen Behörden
behandelt werden, zeigt der in der „Zeitung der
Rigaschen Stadt-Polizei" (Skr. 238) veröffentlichte
Tagesbefehl, betreffend die Einberufung der Wehr-
pflichtigen. In diese», Tagesbefehl werden die
Herren Polizisten aufgesordert, ihre Wirksamkeit
während der nächsten Zeit zu verschärfen, „da die
jungen Leute in de» Ostseeprovinzen, ivelche sich
zur Loosziehuug zu stellen haben, der Trunkenheit
ergeben sind " — Der echte Siusse, vom Polizisten
bis zum General hinaus, ist bekanntlich dem
Schnapsgennß in hohem Grade abhold.

Schwerin in Mcckl. P.: Aus Vellahu wird
der „Mecklenburgischen Zeitung" (Skr. 534) ge-
schrieben: „Nachdem durch die im Frühjahr dieses
Jahres erfolgte Niederlassung eines Arztes eine»,
längst schwer empsundencn und dringenden Be-
dürfniß Hierselbst abgeholsen ist, auch eine Apotheke
ihre Pforten dem Publicum geöffnet hat, — schien
die Vergrößerung unseres Kirchhofes, welche im
Lause dieses Sommers vor sich ging, durchaus
überflüssig. — Zu unserer Freude können tvir auch
die gewiß seltene Thalsache constatiren, daß in
hiesiger über 2000 Seelen zählenden Gemeinde in
einem Zeitraum von mehr als 12 (zwölf) Wochen
nicht ein einziger Todesfall zu verzeichnen ist,
wählend d,e Anzahl der Geburten und Kiudtauseu
in derselben Zeit vollkommen normal geblieben ist
und unserer Gemeinde alle Ehre macht." — Ziehen

Straftburg INI Elsas;. H.: Der berühmte
Prosaiker und Dichter der „Straßburger Votks-
zeitung" setzt uns in Verlegenheit. Wir möchten
gern alles Schöne, was er liervorbringt, abdrucken,
aber er ist uns gar zu fruchtbar. So verzeichnen
>vir denn aus der Skr. 266 nur den Satz:
„Psychologische Wahrheit ist immer nur eine einer-
leiige" — den Ausdruck: „gravster Fehler" — und
die beiden Hexameter:

-Luif-'s Bries wurde fallen gemacht, doch der Zettel des
Brand't ging falle». Wort .lallen" die Absicht nebst Unab-
sichl seil halt."

— Sk.: Der „Neu - Straßburger" ist ganz im
Recht, wenn er im Sprechsaal'der „Straßburger
Post" dagegen prolestirt, dast die Gvclhestraste sich
an ihren Ecken Gölhestraße schreibt.

Ulm. P. H.: Der Thealerkritiker der „Miner
Schnellpost" (Nr. 273) sagt von dem Darsteller
des Alba im „Egmont": „Die gedämpfte Rede-
weise kennzeichncle die echte Vornehmheit des
Diplomaten mit dem nichts durchbohrenden Ge-
fühle." - Ja ja!

Weingarten. N. N.: Der „Oberschwäbische
Anzeiger" meldet amtlich: „Uebertrageu: Die er-
ledigte Stelle eines Hausarztes an dem Landes-
Gesängnist zu Rvtlenburg dem Oberamtsthierarzt
Dr. Bisinger in RoNenburg." — War der frühere
auch schon Thierarzt?

Wien. B.: Zu ivenig im Tone unseres Blattes

Zwcibrückcn. B. A.: „Fast gegen Erwarten"

— schreibt der Local-Bcrichlerstaner der „Pirma-
seuser Zeitung" (Nr. 239) — „wurde vorgestern
Abend wieder einmal die Ruhe des gewöhnlichen
Lebens dahier unterbrochen. Wir waren erstaunt
über die verschiedenen Norsälle, die wir erst gestern
Mittag in Erfahrung brachten." — Welche ruhrende
Naivetät eines Reporters! Hier sind sie nicht
mehr so.

Redactenr: I. Trojan in Berlin. — Verla» von A. Hoimann & Co. in Berlin Kronenstr. 20. — Druck von Hempel L Co.. Berlin SW.
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