Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 56.1903

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Müller. Det is doch zu doll!

Schulhe. Wat denn?

Müller. Nu spielt die preußsche Rejierung Hazard un hält selbst
die Bank!

Schulhe. Wo denn?

Müller. Na. in Altenberg. Da hat se doch jesagt: „Kien ne

Schulhe. Da haste Recht.

Schulhe. Des finde ick eijentiich jemein von di- IcNossen, deh sie
Bebeln so schlecht behandeln.

Müller. Jemein is et, aber ziclbewuht.

Schulhe. Sie mühten doch eijentiich jcjcn den Ollen pietät-
voller sein.

Müller. Don Pietät steht nischt ins Projramm drin.

Schulhe. Ob sie ihn villeicht von wejen die Erbschaft jetzt als
Bourgeois ansehen?

Müller. Un ihn womöglich janz aus die Partei rausfliejen lassen?

Schutze. Wer weih! •'

Bebel erzählt in der „Neuen Zeit",He er als sächsischer Landtags-
abgeordneter kalten Blutes den Treueid geschworen hat, und bemerkt
dazu: „Ich sehe noch heute das cigenthümliche Lächeln, das um den
Mund des liberalen Oberbürgermeisters Koch spielte, als er nur den
Treueid abnahm. Ich lächelte wieder und schwur." Die Tante Boh
billigt es nicht, dah Bebel so etwas ausplaudert. Aber Tante! Ein
bischen jesuitisch ist es ja, wie Bebel den Eid auffaht, aber wer ist
nicht ein bischen Jesuit? .Weiht du denn nicht, Tanie, dah die Studenten
bei der Immatriculation es genau so machen wie Bebel? Auch sie
geben den Handschlag an Eidesstatt darauf, daß sie den Satzungen der
Universität gehorsam sein wollen, mit dem stillen Vorbehalt: „Wenn
es mir so paht."

Ella und ihr Schatz

Hochmodern

Ellas Liebster ist auf Reisen,

Aus den Alpen flitzt herum er,

Klettert aus den schrosfen Traten.

Jeden Morgen in der Zeitung,

Sicht sie »ach mit tiefen Seufzer»,

Ob er nicht schon abgestürzt ist.

Solches thut sie nicht aus Sorge,

Nicht aus Furcht, ihn zu verlieren.

Sondern von dem Wunsch bewegt nur,

Sich ganz ungeniert zu fühlen —

Denn sie hat schon einen andern.

Wieder hat einer, diesmal ein Mr. Montagu Holbein, denver-
geblichen Versuch gemacht, de» Canal zu durchschwimmen.

Also auch anderwärts ist cs dasselbe wie bei uns: die 'Canalvor-
lage bleibt unerledigt.

Die Stadtväter in Metz sind in Verlegenheit, woher sie in aller
Eile gutes Wasser für ihre Leitung nehmen sollen. Wie wäre es, wenn
sie den kalten Wasserstrahl, den sie von Berlin erhalten haben, in ihre
Röhren leiteten?

Zur Friedensbewegung

wird uns von sachverständiger Seite geschrieben:

„Mit Genuglhüung wird jeder gleich mir die Beschlüsse der
Wiener Interparlamentarischen Conferenz begrüßen, die aus
eine allgemeine Abrüstung und den ewigen Frieden hinziclen. Doch
wäre es wünschenswerlh, daß die Friedensfreunde nicht blos einseitig
die politischen Kriege ins Auge faßte», sondern auch gegen innere
Friedensstörer insbesondere gegen die Temperenzler, vorgingcn.
Diese Leute predigen mit ihrem unsinnigen Schlachtruf: Krieg dem
Alkohol! noch immer den Kampf und wollen dem ruhigen Bürger
den friedlichen Genuß seines Schoppens Bier oder Wein rauben. Hier
mühte der Friedensruf ertönen: Das Wasser nieder!

A. Biermörder, shid. cerev."

Brief- und Fragekastcn für eilige Fälle

I

I

Euter alter Brauch

Leid kommt heraus, Rehbein hinein,
Einer niuß immer drinnen sein.

In Berlin befindet sich ein Haus, das den Namen führt „Das
Haus mit den 99 Schafsköpfen". Daß das Neichstagsgebände so
hätte genannt sein können, muß natürlich der zri niedrigen Zahl wegen
für ausgeschlossen gelten. __

Dem Kapitän Brathering von der „Maischolle" ist es gelungen,
im Stillen Ocean eine wirkliche Seeschlange zum größten Thcil an
Bord zu bekommen. Das Ungeheuer, mit einer Harpune am Kopf
getroffen, wurde auf das Schiff gezogen und mittelst einer Winde auf-
gewickelt. Als neun oder zehn Kilometer der Schlange aufgewickelt
waren, riß sie leider ab. Sehr zu bedauern ist es, dah Brathering
auch das Vordcrende des Seewundcrs nicht nach Hause gebracht hat.
In der Nacht gelang es der Schlange, ohne daß es bemerkt wurde, sich
abzuwickeln, und am Morgen war sie verschwunden. Brathering
schildert sie als sehr dumm und im allgemeinen dem Bandwurm ähnlich.
Ob sie eßbar ist, konnte nicht ermittelt werden.

Röschen in W.: Gegen die Mücken hilft, wie Sie richtig bemerken,
weder Lavendelöl noch Salmiak. Ein wirksames Mittel soll Theer
Teilt; aber sich theercn zu lassen ist nicht jedem angenehm, und besonders
dürfte das zarte Geschlecht diesem Verfahren einige Abneigung entgegcn-
bringen. Wir lernten einen Engländer kennen, der sich von 34 ab-
gerichteten Kreuzspinnen cinwebcn ließ. Das half, denn in den Netzen
der Spinnen fingen die Mücken sich zu Tausenden, man muh aber dann
Stunden' lang dasitzen, ohne sich zu rühren, und das bekommt wohl
nur ein Engländer fertig.

Schwarzhaarige in Z.i Kohlschwarzes Haar blond zu färben ist
keine ganz einfache Sache. Ohne Weiteres ist es nicht möglich, es muß
vorher in weißes Haar verwandelt werden. Das geschieht durch fürchter-
liches Erschrecken, wie es das Erscheinen von Gespenstern Hervorrust,
wegen der-Gespenster aber wendet man sich an geübte Medien. Ist
in Folge des Schreckens das Haar plötzlich erbleicht und schneeweiß ge-
worden, dann ist es ein Kinderspiel, es gelb oder grün zu färben.

Wißbegierige in Berlin W.: -„Ist es erlaubt", fragen Sie, „daß
zusannnengewachsene Zwillinge weiblichen Geschlechts zusammen einen
Mann heirathcn?" Ja, das ist erlaubt, aber nur dann, wenn sie ein
einziges gemeinschaftliches Herz besitzen. Haben sie zusammen zwei
Herzen, so muß jede von beiden ihren besonderen Mann haben.

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' Vorschlag

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Die nächste Nummer (38)

des Kladderadatsch

bringt ein .weiteres Blatt von: „Unsere Zeitgenossen“ (Paul Singer).

Bofmann & CEomo., S.W. 12. — Druck von ©emo«! d So. D. n

rilicher Re

D.: SB. Polstorss. — Verl.

H. - Sckmmtlich in Berlin.

Hierzu zwei Beilagen

Wir bitten die Beiblätter zu bei
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