Koepplin, Dieter
Cranachs Ehebildnis des Johannes Cuspinian von 1502: seine christlich-humanistische Bedeutung — 1973

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VII.2. Religiöse Weltbetrachtung der Humanisten,
Kosmographie und Mikrokosmos-Idee.

Die Entwicklung einer realistischen Landschaftsmalerei in den
Hintergründen der religiösen Bilder im 15. Jahrhundert geht
parallel mit einer neuen Anschaulichkeit in der literarischen
Beschreibung der Länder, Städte und Völker (241). An einzelnen
Punkten erkennt man Berührungen zwischen der Landschaftsmale-
rei und der Kosmographie, Geographie, Topographie und Karto-
graphie. Jan van Eyck hat nach dem Zeugnis des Bartolommeo
Fazio (Facius, um die Mitte des 15. Jahrhunderts) für seinen
Herrn, den Herzog Philipp den Guten von Burgund, eine Darstel-
lung des ganzen Weltkreises geschaffen, "in der du nicht nur
die Orte und Lagen der Gegenden, sondern auch die Entfernungen
der Orte messend erkennen kannst": also ein Bild, das halb Land-
schaft, halb Landkarte gewesen sein muss (242). Konrad Witz,
dessen Realismus mit der Schule der Niederländer wetteifert, hat
in seinem stolz signierten Petrus-Altar von 1444 zum ersten Mal
die Ansicht einer konkreten Gegend (am Genfersee) für würdig
befunden, den Hintergrund zu einer biblischen Szene monumentaler
Form zu bilden (243). Historische Voraussetzungen für eine so

(241) J. Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien, 186o,
4. Abschn. "Die Entdeckung der Welt und des Menschen".

(242) Weale, Hubert and John van Eyck, 19o8, LXXIII; H. Beenken,
Jan van Eyck und die Landschaft, in: Pantheon XXVIII, 1941,
173; M.J. Friedländer, Essays über die Landschaftsmalerei
und andere Bildgattungen, 1947, 19 (mit der Bemerkung: "Bis
zu einem gewissen Grad ist jede Landschaft aus dem 15. Jahr-
hundert grundrisshaft und geographischer Plan").

(243) Aus der neueren Literatur sei wenigstens angeführt: E.
Maurer, Konrad Witz und die niederländische Malerei, in:
Zs. f. schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte
XVIII, 1958, 162 f. (hier sind die Vorformen bei den Brü-
dern von Limburg und bei Fra Angelico zitiert). Auf ein
spätmittelalterlich-antikisches Motiv in dem Bild der
"Befreiung Petri" macht Hartlaub (1954, 15o) aufmerksam:
über dem Portal des römischen Gefängnisses erscheint der
Planetengott und Herr der Gefängnisse Saturn in Antithese
zu David.
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