Koepplin, Dieter
Cranachs Ehebildnis des Johannes Cuspinian von 1502: seine christlich-humanistische Bedeutung — 1973

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VI. ANALYSE DES SICHTBAREN UND FORMGESCHICHTLICHES
vi.l. Formanalyse

Bei einem Bilde, das eine verborgene Symbolik zu besitzen
scheint, ist die Versuchung gross, dass man von vornherein
nach dem "Dahinterliegenden" forscht und dabei die Geduld ver-
liert, das anschaulich Gegebene zu betrachten. Ein Kunstwerk
ist aber selbstverständlich mehr als ein Bilderrätsel. Wenn es
hohe Qualität hat, sollte das Wesentliche nicht hinter, sondern
in ihm selber stecken. Sein Gehalt sollte aus ihm selber ver-
ständlich sein, und die weitergehende Symbolik, die aus schrift-
lichen Dokumenten mit historisch-philologischen Methoden zu re-
konstruieren wäre, müsste als eine Entfaltung und Differenzie-
rung dessen erscheinen, was sichtbar vor Augen steht. Nur in
dieser Weise würde es jene Eigenschaft aufweisen, die man all-
gemein für ein Signum der künstlerischen Güte hält« innere Not-
wendigkeit. Wir gehen von der Hypothese aus, dass Cranachs Ehe-
bildnis des Johannes Cuspinian (Abb. 1-2) qualitätvoll ist. Wir
setzen also voraus, dass die anschauliche Gestalt der Bilder
nicht geistlos ist, solange man die geistigen "Quellen" nicht
aufspürt. Wir glauben ferner, dass der Geist, der diese Bilder
spürbar durchdringt, mit dem Geist der intellektuellen, vom
Auftraggeber Cuspinian an Cranach herangetragenen Symbolik ver-
wandt ist oder durch Cranach seinen eigenen künstlerischen In-
tentionen angeglichen wurde. Mit dieser Annahme wollen wir das
Doppelbildnis zunächst so anschauen, wie es sich uns "Unverbil-
deten" darbietet (182).

Von beiden Bildern existieren gute grossformatige Farbabbildun-
gen (183). Diese ersparen uns eine katalogmässig aufzählende

(182) Freilich muss der Schreibende zugeben, dass er im Moment
der Formulierung dieses Kapitels bereits nicht mehr "un-
verbildet" ist und den Zustand der Unvoreingenommenheit
eigentlich nicht mehr wiederherstellen kann.

(183) Farbabbildungen in: Du (schweizerische Monatsschrift) XVI
Nr. 8, Zürich 1956, August, 6t Bildnis des Mannes (nach
gleicher Vorlage nochmals bei Gasser/Rotzler/Bernoulli,

./.
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