Koepplin, Dieter
Cranachs Ehebildnis des Johannes Cuspinian von 1502: seine christlich-humanistische Bedeutung — 1973

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VII. 3. Apollo - das dichterische'Sehen und das

Wissen um die verborgenen Naturkräfte; Hermes.

Den überraschendsten Beweis dafür, dass der Landschaftshinter-
grund von Cuspinians Ehebildnis als Träger von "figurae" (331)
eine durchdachte humanistisch-weltanschauliche Bedeutung besitzt,
findet sich in einer dunklen Gestalt im Rücken Cuspinians am
linken Bildrand. Dort, wo der Stamm des rahmenden Baumes hinter
der Schulter des Porträtierten verschwindet, verbirgt sich nie-
mand anders als Phoebus-Apollo (Abb. 3). Es ist eine winzig
kleine und merkwürdig finstere Erscheinung, die ihrer Klein
heit wegen bisher überhaupt nicht bemerkt worden ist. Sieht man
aber genau hin, so identifiziert man die Attribute Apollos,
freilich in einer seltsamen Anordnung. Der Gott sitzt im Pro-
fil nach links, nackt, mit antikisch lang herabfallenden Haa-
ren (33 2), den Kopf von einem Hut bedeckt, den einen Arm ein-
gestützt - anscheinend in einer Haltung der meditativen Untä-
tigkeit. Die saitenbespannte Lyra und der Bogen Apollos liegen
unbenutzt und in einem auffallenden mässigen Abstand unterhalb
des sitzenden Gottes. Man kann sich fragen, ob Lyra und Bogen
nur darum etwas entfernt abgelegt sind, damit man sie, da sehr
klein, doch besser erkennen kann, oder ob eine melancholische
"tatenlose Schwermut" (333) angezeigt werden soll, oder was
darüber hinaus?

(331) Vgl. Anm. 217.

(332) Celtis wird von einem Mitglied der donauländischen Huma-
nisten-Sodalität (s. oben S. 88f.)"Phoebi criniti sancte
sacerdos" angesprochen, heiliger Priester des langhaari-
gen Apollo (Rupprich 1934, 3ol). Nach Ficino (De triplici
vita II 2o) kommt "intonsus crinis" Apollo und Dionysos
zu wegen ihrer ewigen Jugend (vgl. Horaz, Carmina I 21).
Lange Haare stehen besonders Apollo an (Ovid, Ars amato-
ria III 141 f.). Sie galten allgemein für ein Merkmal
wahrer Klassizität (E. Panofsky, in: Jb. d. preuss.Kunst-
sammlungen XLI, 192o, 37o, mit Verweis auf Warburgs Inter-
pretation von Botticellis "Geburt der Venus").

(333) Panofsky/Saxl 1923, 7o und 58 über die melancholische Un-
tätigkeit. "Tedium Saturno proprium", der Ueberdruss ist
Saturn eigen, hat sich Cuspinian in Ficinos Buch "De
triplici vita" III 11 an den Rand notiert (Vgl. S. 244).
Vgl. Cassirer 1927, 119. "Das Antlitz in die Hand gestützt"

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