Küch, Friedrich [Oth.]
Quellen zur Rechtsgeschichte der Stadt Marburg (Band 1): 1918 — Marburg, 1918

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I CjeschichfJicher Überblick;

Der Zeitpunkt, wann Burg und Stadt Marburg entstanden
sind, läßt sich bei der Unzuverlässigkeit der chronikalischenx)
und der Lückenhaftigkeit der urkundlichen Nachrichten nur
ungefähr umgrenzen. Aus dem Vorkommen von Personennamen
mit der Herkunftsbezeichnung „von Marburg“ darf geschlossen
werden, daß etwa seit 1130 eine Burg dieses Namens, wahr-
scheinlich Gisonischen Ursprungs, vorhanden war1 2), die durch
Erbschaft an das thüringische Grafenhaus überging3 4 5). Die
Lage an der Grenze verschiedener Gerichte (Ebsdorf, Kaldern,
Reizberg) wird, wie sie dem an der Nordseite des Burgbergs
vor üb er fließ enden Bache den Namen gegeben hat, so auch die
Benennung der Burg veranlaßt haben*). Eine dem heiligen
Kilian geweihte Kapelle am Südabhange des Berges diente
dem kirchlichen Bedürfnis der Burginsassen und der Bewohner
des nahe gelegenen Wirtschaftshof esc'), vielleicht auch anderer
Ansiedler, die die Burg anzog6).

1) Gerstenberg S. 92, 408 setzt die Gründung Marburgs in das Jahr 1065
und schreibt sie dem Markgrafen Otto zu. Vgl. dazu die Einleitung von
H. Diemar S. 83 mit Anm. 2. Kolbe, Marburg im MA, S. 3 ff. sucht die Nach-
richt Gerstenbergs wahrscheinlich zu machen. — W. Lauze unterzieht die ver-
schiedenen Ansichten über die Entstehungszeit einer kritischen Besprechung im
ungedruckten Teil seiner Chronik (Bl. 222 b ; Kasseler Landesbibliothek).
2) Dobenecker 11385; Landau ZHG 9 S.367. — Eine Urkunde der Jüdischen
Propstei Neuenberg handelt von der Übertragung von Zinspflichtigen, die an-
geblich in Gegenwart des Abtes Richard von Fulda (1018—1039) erfolgt sein soll.
Unter den Zinsleuten finden sich einige, die den Beinamen Marburgere führen.
Da aber die Urkunde in mehrfacher Beziehung Bedenken erweckt und gewiß
nicht vor dem 13 Jahrhundert geschrieben ist, so kommt sie für das Alter der
Stadt nicht in Frage.
3) Landau a. a. O. S. 324f.; Bücking, ZHG 16 S. 1 ff., Geschichtl. Bilder
S. ljf.
4) Kolbe, Marburg, S. 6. — W. Schoof, der in der Zeitschrift ,,Hessen-
land“ 1914 Nr. 6 u. 7 die verschiedenen Ansichten über die Ableitung des
Namens bespricht, bringt ihn mit ,,Markgenossenschaft“ zusammen. M., meint
er, sei aus einer großen, an den Ufern der Lahn bestehenden Markgenossen-
schaft als Tochterdorf ,,herausgewachsen“. Es ist indessen für Marburg
charakteristisch, daß es eine besonders kleine Allmende und eine beschränkte
Feldmark besaß. Vgl. Nr. 212 § 12, 21, 22, Nr. 260 § 4, Nr. 307.
5) Der Fronhof am südlichen Fuße des Burgberges; Landau a. a. 0.
S. 371. Bücking, ZHG 16 S. 6 ist geneigt, in der sog. Hofstatt in der Nähe
der Kilianskapelle den ersten Wirtschaftshof der Burg zti sehen.
6) Die Stilformen dieser Kapelle bieten kein sicheres Hilfsmittel für das
Alter der ersten Niederlassung. Sie gehören m. E. in das Ende des 12. Jahr-
1*
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