Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 78.1928

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und die wirtfchaftliche Exiftenz bedrohen
müßten.Wird diefe Aufgabenverteilung all-
gemein anerkannt, dann muß gegenfeitige
VerftändigungundAchtung damit verbunden
fein. Ein großerTeil der füddeutfdien Vereine
hat fich auf einer gemeinfamen Marfdilinie
geeinigt, die fich aus der Grundveranlagung
des Gros der Mitglieder, einer traditionellen
Bindung und dem ftarken Willen, Anfchluß
an die neuen Bewegungen der Zeit nicht zu
verlieren, ergab. Sie gerieten fo, wie von felbft
etwa in die Mitte zwifchen mehr oder minder
gefchichtlich gewordenen Richtungen und
folche, deren Leiftung vielfach noch in Theo-
rie und Doktrine befangen find. Diefe Kräfte
werden fich auch innerhalb der hier vereinig-
ten Kunftgewerbevereine geltend machen
und vielleicht ergibt fich gerade aus diefer
Spannung für fie eines der ftärkften Lebens-
elemente. Der Glaube an die kulturelle Be-
deutung des Handwerks, an die Rolle, die
ihm heute noch zufällt, wird gegen die Not-
wendigkeit nicht blind machen, den neuen
Bedürfniffen unferer Zeit und ihren Arbeits-
methoden alle Aufmerkfamkeit zu fchenken.
Darum wird man die Arbeit der Jugend befonders
zu beobachten haben. Ihr den Weg zu be-
reiten, foll eine wefentliche Aufgabe der Zeit-
fchrifi fein. Anderfeits wird gerade die kom-
mende Generation einmal dafür dankbar fein,
daß ihr von der älteren das handwerkliche
Können und ftarke geiftigeWerte vermittelt

wurden. Mag heute die Rationalifierung,
Typifierung, der fabrikmäßige Betrieb eine
größere Bedeutung haben und die ftärkeren
Kräfte an fich ziehen, die Entwicklung wird
auch einmal wieder nach einer anderen Rich-
tung gehen und dann wird fich die Erhaltung
eines tüchtigen Handwerksftandes in den
Kunftgewerbevereinen oder wie fich diefe
Vereinigungen nennen mögen, gelohnt ha-
ben. Es wird großer Anftrengungen bedürfen
diefes Ziel zu erreichen und das Schiff ftets
in genügend tiefem Fahrwaffer zu halten.
Regfamkeit,Unternehmungsluft,klareswirt-
fchaftliches Denken, dazu innere Bereitschaft
für neue Gedanken und künftlerifche Impulfe
find mehr denn je erforderlich und müffen
darum vor allem in der Zeitfchrift ihren Aus-
druck finden. An ihrer langen Gefchichte -
fie ift die ältefteKunftzeitfchriftDeutfchlands
(gegründet 1850) - glaubt fie diefe Aufgabe
in der Hauptfache erfüllt zu haben und fie
wird trachten diefe auch in Zukunft zu löfen.
Ohne Geficht und Haltung zu verlieren,wird
fie eher weitherzig als einfeitig fein müffen.

Wenn diefe Abfichten zunächft nicht völ-
lig deutlich werden, fo liegt dies an Verpflich-
tungen aus früherer Zeit, die erfüllt fein wol-
len. Ebenfo wird fich die Zufammenarbeit
unter den befreundeten Kunftgewerbever-
einen erft allmählich auswirken, ihrer Tätig-
keit werden einzelne Hefte gewidmet fein.

E. Hanfstaengl.
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