Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 78.1928

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VEREINSNACHRICHTEN

Zwei Vortragsabende des Bayerischen Kunftgewerbe~
Vereins im Kiinftlerhaus-Feftfaal. Am 13. März fprach
Herr Julius Nitfche über »Kunft und Publikum«. Er
ging aus von der bedauerlichen Trennung zwifchen
Künftlerfchaft und Publikum, die zu überbrücken den
vielen daran arbeitenden Organifationen immer we-
niger gelinge. Man ift einander fremd geworden und
die früher vorhandene Berührung befteht kaum mehr.
Dies zeigt fkh vor allem bei Vergebung von Auf-
trägen, die künftlerifche Arbeit erfordern. Meiftens
überläßt man folche unbedenklich einem beliebigen
Gefchäftsmann, während man bei der Auswahl des
Arztes oder Anwalts mit der erdenklichften Vorficht
zu Werke geht. Es fehlt vielfach am Verftändnis,
aber auch an entfprechenden Auskunfts- und Vermitt-
lungsftellen. Demgegenüber ift die Zufammenarbeit
der führenden Verbände, nodi beffer der verantwort-
lichen Perfönlichkeiten geboten. Der Vortragende
fprach in diefem Sinne von einer Werkgemeinfchaft.
ohne felbftverftändlich darunter eine neue Verbands-
gründung verftehen zu wollen, vielmehr follen fich
nur die Führenden die Hände reichen zu gemein-
famem zielbewußten Wirken. Hievon wird eine
nachhaltige Beeinfluffung des Publikums aber auch
eine Zufammenfaffung der Künftler ausgehen, es wird
ein Austaufch von Wünfchen, Anregung und Ver-
ftändnis erzielt werden. Eine Kunftftadt wie München
muß der Kunft der Lebenden Entfaltungsmöglichkeiten
verfchaffen. Ihre Rolle in der Reihe der deutfchen
Städte umfchrieb der Vortragende dahin, fie folle
»der Tempel in der Fabrik Deutfchland« fein und hob
mit Recht hervor, was die Künftler bisher nicht nur für
diefe Stellung Münchens geleiftet haben, fondern
auch ftändig für wohltätige und foziale Zwecke tun.
Es ift durchaus nidit fo, als ob die Künftler nur von
der Allgemeinheit unterftützt würden, vielmehr foll
ihre Arbeit am Gemeinwohl nicht unterfchätzt oder
gar vergeffen werden. Jetzt im Dürerjahr muh der
Anfang gemacht und eine Wiederannäherung zwifchen
Kunft und Publikum herbeigeführt werden, gemein-
fame Arbeit am gleichen Ziele muß zunächft einen
kleinen Kreis von Verantwortungsbewußten und
Arbeitsfreudigen zufammenführen, der den Kern für
Erfaffung weiterer Kreife bilden muß. Die fehr zahl-
reich befuchte Verfammlung nahm den Vorfchlag bei-

fällig auf, der fich auch über Einzelheiten der beab-
fichtigten Maßnahmen eingehend verbreitete. In der
Ausfprache, in der Hofrat Pixis u. a. auch auf die
Veränderung in der gefellfchaftlichen Stellung der
Künftler zu fprechen kam. wurde den Vorfchlägen
Nitfches rückhaltlos beigepflichtet und der Gedanke
einer freien Zufammenarbeit warm begrüßt.

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von »Kunft und Handwerk« Heß t,
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Bayer. Kunstgewerbe -Verein e.V.

Der vierte Vortragsabend diefes Jahres, welcher am
27. März ftattfand und in dem Privat-Dozent Dr.
Amfchler über feine Reife nach Südrußland und dem
Kaukafus fprach, fah ein überfülltes Haus und es
konnte als erfreulicher Erfolg empfunden werden,
daß das Publikum der Einladung fo zahlreich gefolgt
war. Dr. Amfchler zeigte in einer fortlaufenden Reihe
vorzüglicher Lichtbilder ruffifche Städte und Land-
fchaften, wobei namentlich bei erfteren die Architektur
großes Intereffe fand. Neben baulichen Einzelheiten,
z. B. der reichen inneren Ausgeftaltung von Wohn-
und Verteidigungsbauten primitiver Kaukafusvölker
behandelte der Vortragende auch die geographifchen
und ethnographifchen Verhältniffe und brachte man-
ches Bemerkenswerte von feinen eigenen Erlebniffen.
namentlich feffelte fein Vordringen in das durch Fels-
gebirge und Gletfcher völlig von der Welt abge-
fchloffene Land Swanetien. Reicher Beifall lohnte
auch diefen Vortrag, der die Veranftaltungen des
Winterhalbjahres 1027/2S abfchloß.

Für das kommende Winterhalbjahr ftehen zu-
nädift Vorträge von Profeffor Schinnerer und Kurt
Hielfcher in Ausficht.



hlächfte Veranftd/tungcn: Am 1. Mai findet die dies-
jährige Hauptverfammlung, am 8. Mai die Freifpre-
chung der Lehrlinge ftatt. Für 20. Mai ift ein Tanz-
abend in Ausficht genommen.

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