Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 78.1928

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DIE HANDWEBEREI

IM RAHMEN UNSERER ZEIT

VON PAUL DANZER, MÜNCHEN

Kein Handwerkszweig ift in den erften nicht erlofchen ift, fondern weiterlebt. Frei-
Entwicklungszeiten der Mafchineninduftrie lieh, wirtfdiaftlich kann die Handweberei nie
diefer fo rafch und hoffnungslos zum Opfer mehr das werden, was fie war. Das wäre finn-
gefallen, wie die Weberei und die Erfindung lofe Rückbildung. Aber fie hat fich das Feld
des mechanifchen Webftuhls ift in der Wirt- einer gefchmacklichen Spitzenleiftung zu ei-
fchaftsgefchichte geradezu als der Markftein gen gemacht und beherrfcht diefes Spezial-
zu bezeichnen, bei dem das induftrielle Zeit- gebiet, auf das ihr die befte Mafchinenarbeit
alter beginnt. Nur die Feftfetzung der Todes- nidit folgen kann, unbeftritten mit ihren
ftrafe konnte den wütenden Haß der dem künftlerifch veredelten Erzeugniffen, ausge-
Hungertode preisgegebenen englifchen We- hend vom Behang- und Bezugftoff, wie ihn
ber bei ihrem Zerftörungswahn gegen den der Innenarchitekt fucht, bis zur gediegenen
Mafchinenwebftuhl Einhalt tun und bis in Decke und zu erlefenen Bekleidungsftoffen
unfere Zeit galten die Weber fchlechthin als für eine höher entwickelte Mode. Es kann
der Typ des von der Mafchine zum Untergang auch nicht ihre Aufgabe fein, den rafch wech-
verurteilten Handwerkers, nimmt doch felbft feinden Eintagslaunen unferer Konfektion zu
Gerhart Hauptmann gerade fie als Beifpiel folgen und mit der Textil-Induftrie in deren
einer auf verlorenem Poften gegen die hoff- wohlfeiler Befriedigung zu wetteifern, ihr ge-
nungslofeUebermachtdermodernenTechnik hört vielmehr auf dem Gebiete der Beklei-
kämpfenden fozialen Schicht. dung die Herftellung jener mehr zeitlofen
Wenn dennoch die Handweberei nament- Qualitäten, die äußerliche Gediegenheit mit
lieh feit dem Kriege zu neuer Blüte gelangt befondererHaltbarkeitvereinigen.Undzwar
ift, fo liegt darin aber nicht nur ein Triumph handelt es fich um einen kleinen, aber an-
befeelter menfehlicher Arbeit und künftleri- fpruchsvollen Abnehmerkreis, der an der Be-
fcher Leiftung über die Mafchinentechnik, die kleidung neben allen gefchmacklichen Erfor-
Wiedererftehung des Handwebftuhles im derniffen eine perfönliche Note fchätzt und
neuen Geifte ift auch ein Zeichen weitgehen- deshalb gerne von den Angeboten der Indu-
der Wiederbelebung des Sinnes für hand- ftrie abrückt. Zudem gibt die Handweberei
werkliches Können überhaupt. Vielleicht die Möglichkeit, in Farbwirkungen, Stück-
wirkt gerade auf diefem Gebiete die Rück- länge u. dgl. auf die individuellen Wünfche
kehr des Intereffes an der Handwerksarbeit und Rückfichten einzugehen, wie fie die Her-
am überzeugendften und zeigt unwiderleg- ftellung des Eigenkleides erfordert. In dem
lieh, daß die blinde Anbetung der bloßen tech- hier umriffenen Rahmen der für geläuterte
nifchen Errungenfchaften überwunden, daß Raumausftattung, wie für eine im höchften
der Sinn für die Handarbeit, die Empfindung Sinne gediegene Bekleidung benötigten
für das, was wir „der Hände Werk" nennen, Webftoffe findet die Handweberei neben der

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