Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 78.1928

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in gleichem Maße neu erftarkten künftlerileh
beeinflußten Stoffdruckerei nicht nur ihre Da-
feinsberechtigung, fondern dankbare Aufga-
ben und reiche Betätigung, ohne den Wett-
bewerb der Mafchine fcheuen zu muffen. Wir
haben es hier mit einem Handwerk zu tun,
das fleh über die Induftrie hinaus entwickelt
hat und fo ift der Handwebftuhl, dereinft von
der Mafchine überflügelt, in richtiger Einpaf-
fung in die Bedürfniffe unfrerZeit heute wie-
der an die Spitze der textilen Kunft gerückt.

Selbftverftändlich kann er fleh dabei nur
durch allerbefte technifche und künftlerilche
Leiftung halten und es hat fleh denn auch ge-
zeigt, daß Werkftätten, die folche Leiftun-
gen nicht dauernd aufweifen, rafch zugrunde
gehen. Nur dann kann die Handweberei den
hohen Anfprüchen gerecht werden, wenn fie
es verfteht, aus dem Wefen des Materials
durch die Verarbeitungsweife, wie durch die
Zeichnung und Farbftellung immer neue
Reize herauszuholen, Wirkungen, wie fie
der Mafchine verfagt find. Für die Schaffung
von Dekorationsstoffen, von ornamentalen
oder figürlichen Deffins find überwiegend
Gefichtspunkte der Raumgeftaltung maß-
gebend, der Handweber fleht hier im Dienfte
des Innenarchitekten. Bei der zunehmenden
Nüchternheit, die heute bei der Geftaltung
von Wohnräumen Platz gegriffen hat, wird
aber der Behang- oder Möbelftoff, das Kiffen,
die Decke, Dinge, bei denen die Anwendung
reicherer Zeichnung und eine gewiffe Farben-
freude freigegeben ift, immer mehr zu einer
künftlerifchen Dominante. Gewollte Schlicht-
heit des Raumes erhält durch iolcheZutat erft
Gepräge und die künftlerifch eingeftellte
Handweberei mit ihren vielfeitigen Möglich-
keiten ift nicht nur allein im Stande, fo auf
die Intentionen des Gefamtentwurfs einzu-
gehen, wie dies eine befriedigende Verwirk-

lichung erfordert, fondern gute Handgewebe
werden dabei geradezu den im Entwurf ge-
legenen Gedanken unterftreichen und he-
rausheben können. Verfügt doch die Hand-
weberei neben der Zeichnung und Farbe noch
über eine Reihe anderer Ausdrucksmittel, fo
können durch Zufammenfügung verfchieden-
artigerGrundftoffe neuartige Wirkungen er-
zielt werden; der Glanz, die Schwere, damit
der Faltenwurf eines Stoffes, die Webart und
Dichte find von beftimmendem Einfluß auf
die Gefamtwirkung und bieten einer lebhaf-
ten Phantafie und unerfchöpflichem Ideen-
reichtum, die ja neben gründlichem Einleben
in das Material die Vorausfetzung bilden,
immer neue Möglichkeiten. Dies kommt auch
den für Bekleidungszwecken beftimmten
Geweben zugute, freilich ift dabei maßvolle
Befchränkung geboten, denn folche Stoffe
werden ja nicht getragen, um aufzufallen,
fondern gerade, um fleh in einen vornehmen
Gegenfatz zur fchreienden Tagesmode zu
fetzen. Diefer kleine Einblick in die Werk-
ftatt des heutigen Handwebers zeigt, daß es
fleh hier um ein technifch und künftlerifch be-
fonders hoch entwickeltes Handwerk han-
delt, um eine Arbeit, die die ganze reicheViel-
geftaltigkeit in fleh fchließt, wie fie aus alten
handwerklichen Stücken zu uns fpricht, aber
in neuzeitlichem Geifte.

Seit dem Kriege find zahlreiche deutfehe
Handwebereien entstanden, viele aber auch
wieder zur Stillegung gelangt. Am erfolg-
reichften erwiefen fich Betriebe dort, wo noch
Refte einer urfprünglichen volkstümlichen
Handweberei vorhanden waren, in Schles-
wig-Holftein, in Schlefien und in Süddeutfch-
land. Hier ift die Handweberei Sigmund von
Weech rafch zu führender Stellung gelangt
und ihre Erzeugniffe, die fich über die ftarre
Einfeitigkeit und ermüdende Strenge anderer

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