Morgenblatt für gebildete Stände / Kunstblatt — 4.1823

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Nr. Z8

s . _

Kunst - B l dt t.

Montag, Le« is. Mar r 8 2 Z.

Etwas über Antonio Canova,
An Friedrich von Matthisson,

Klein wird der Kreis, die Abenbwolken senken
Sich tief herein;

Wer übrig blieb muß manchem Angedenken
Schon Seufzer weih«.

Salis.

Ruch Canova ist hinüber ins Land der schonen See-
len! Groß als Wiedererweck-r der bildenden Kunst, un-
vergeßlich liebenswürdig als Mensch, begleitet in das
hehre Jenseits, vom lauten Secgensruf, und den Weh-
muthsthränen Unzähliger, denen er väterlicher Freund
und Wohltbäter war. *) Lieber Matthisson, Nom,
das Nom aller Zeiten ist für mich im besonderen Sinne
die geweihte Starre der Erinnerung geworden: Wie man-
ches heilige Grab hatte ich dort zu bekränzen, würde es
mir vergönnt, noch einmal die immer grünen Auen zu be-
grüßen, „wo Lethe's Frieden um stille Fremdlingsgräber
schwebt?'

Fernow, den ich nurin Rom kannte, mir nur dort
denken kann, wo er einzig lebte: Angelika die Holdselige!
Zoega der Unvergeßliche! der Unersetzliche! derEngelgreis
d'Agineourt, Gmeliu der an gediegenem Werthe so
Unerschöpfliche! und nun Canova!!

Da du diesen leztercn persönlich weniger kanntest und
er so sebr gekanntzu sepn verdienle, gerade in dem, was dich,
den feinen Kenner moralisier Grazie, rief angesprcchen ha-
ben würde, so will ich d:r aus der Erinnerung glücklicher
Stunden entworfen, das Bild des Menschen Canova im
leichten Umriffe darzustellen suchen, so wie er mir erschien,
umgeben von müden Lüften der heiterste« Humanität und

- *) Canova's gütige woblwollenbe Sinnesart, so wie seine
kdnigli-b- Großmut» sind allgemein bekannt. — Allein er
war außerdem der treue Ratbgebkr und die Stütze junger
Künsilcr, »nd überhaupt uncrmüdct in jeder Wchlchätig-
keitS - Uebung.

Anm. der Vers.

einer naiven Anmuth voll, welche ich nur in diesem unver-
derbbarem Sohne der Natur, so vereint fand.

Ich hatte im Winter i8or — 180Z die Freude, Ca»
nvva persönlich kennen zu lernen; allein vom ersten An-
blicke an neigte ein sympathetischer Zug Bonstetten ihn
und mich schneller zu einander, als dieß vielleicht sonst mit
ihm, und der Mehrzahl der Fremden, diedemHochge-
feyerten zu huldigen kamen, der Fall sepn mochte. Wir
liebten ihn, und meine neunjährige Id», schon in der
frühaufbrechenden Knospe, gehörte, wie immer, zu jedem
Herzensveretne deines Freundes und ihrer Mutter.

Canova stand damals in voller reifer Lebenskraft und
auf dem Gipfel seines Ruhmes. Seine Gestalt war eher
klein zu nennen, von etwas unterscztem kräftigem Bau;
hellbrauner von Farbe, wie Italiener cs gewöhnlich sind,
blaß, aber gesund anssehend; scharfbezcichnetc allein nicht
gerade ausgezeichnete Gesichtzüge, belebt von einer außer-
ordentlich beweglichen und feine» Physionomic; die hohe
Stirn und das tiefliegende schwane Fenerauge, Gedanken-
fülle verkündend, und Genie ausstrahlend: leicht und be-
hende in den Bewegungen, und über alles srcy und hin-
gebend im ganzen Wesen. Jede mit ihm verlebte Stunde
war ein Fest der Seele; er mochte uns nun in einem sei-
ner Studien empfangen, oder uns in unserer romanti-
schen Wohnung der Billa di Malta besuchen, immer war
seine Unterhailung, gleich willig gebend und empfangend,
höchst genährt, frep und interessant: denn angenehm und
unterrichtend konnte man sich mit ihm über alle Gegenstän-
de der Geschichte, Literatur und Kunst unterhalten, da
er sehr gebildet, frepsinnig und voll der edelsten Unpar-
theylichkeit war.

Bon dieser leztercn und von jeder Abwesenheit einer
kränklichen reizbaren Persönlichkeit bcv ihm, werde ich dir
einige flüchtige Züge entwerfen, und dir die offne großartige
Schönheit seinesCharakters so enthüllen, wie er es mir gethan,
und dabey unser Wiedersehn und die fvrtgesezte Freund-
schaft, während der Jahre 1807 bis isio, mir der ersten
Bekanntschaft znsammenverschmelzen, indem Personen und
Berhällniffc dieselben waren.
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