Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 22.1911

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NEUE PORZELLANE DER BERLINER MANUFAKTUR
Von Robert Breuer


Ist es wirklich gar lästerlich zu
fragen: ob Europa wohl je ver-
standen habe, mit dem Porzellan
etwas Rechtes anzufangen. Ist es
etwa so, daß nur Asien den ganzen
Reichtum dieses keramischen Mate-
rials und dessen immanenter Form
aufzuspüren vermochte? Es dürfte
schon einige Ketzer geben, die solche
Meinung teilen. Diese Leute können
dann gar nicht genug schwärmen
von dem Instinkt der Chinesen, das
Porzellan in großen Flächen zu ent-
falten, seine ganze Sinnlichkeit in
den gebogenen Wandungen der Ge-
fäße zu konzentrieren; sie geraten
in Entzücken, wenn sie der zarten,
der singenden, der in allen Tempera-
menten aufrauschenden Farben, wenn
sie der, stets das Gesetz der Technik
wahrenden Malerei, die nie natura-
listisch zerstört, die mit priesterlicher
Ehrfurcht den Stoff und die Fläche
schmückt, leidenschaftlich gedenken.
Das ist vielleicht das Spezifikum des
Unterschiedes: das europäische Por-
zellan zupft an der Zärtlichkeit, das
asiatische drängt zur Leidenschaft.
Europa erschöpft sich in den Puppen;
China offenbart auch im Porzellan
die ihm eingeborene Tendenz zum
Monumentalen, zur Logik des In-
genieurs und zum Ausdruck des
Herrn der Welt. Das europäische
Porzellan ist eigentlich ein Spiel für
die Femininen, es düftelt nach Rokoko;
das chinesische bleibt eine Angelegen-
heit, deren sich die Männer nicht
zu schämen brauchen. Das euro-
päische Porzellan bleibt selbst in den
Stücken, die sich von der Zweck-
mäßigkeit zu emanzipieren glaubten,
angewandte Kunst, Kunstgewerbe;
das chinesische vermag auch durch
die offen und selbstverständlich einem
Zweck bestimmten Geräte Kräfte der,
von jeglicher Erdenschwere befreiten
Kunst zu lösen. Beim europäischen
Porzellan läßt sich von Liebeshändeln
träumen; das asiatische weckt die

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