Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 24.1913

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NEUE ARCHITEKTUR UND RAUMKUNST IN PRAG

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kann. Denn das gerade ist der Unterschied: der
Franzose hält die Tradition aufrecht, die Versuche
von etwas Neuem sind gleichsam tastend und nur
als Ornament dem Alten eingefügt. Wenn man
den Entwurf nur ungenau besieht, so glaubt man,
den Typus eines der üblichen Stadthotels aus der
Mansardperiode vor sich zu haben. Die Anlage ist
dieselbe. Ein stark betonter zweigeschossiger Mittel-
bau mit zurückweichenden eingeschossigen Seiten-
flügeln. Im Kampf zwischen Horizontal- und Vertikal-
bewegung siegt die letztere dadurch, daß alle Wag-
rechten durchbrochen werden, von einschneidenden
Dreiecken, Winkeln und Trapezen, am stärksten im
oberen Gesimse. Das Portal nimmt die Mitte ein
und erhält den Hauptakzent wie im Barock, und so
wie dort setzt auch hier der Drang nach oben ein.
Nur in der Art, wie z. B. die Fensterleibungen oder
die Baluster gebildet sind und in den durchgehend
plastischen und nach prismatischen Formen hin durch-
geführtem Ornament liegt die Ähnlichkeit mit den
Arbeiten der jungen Prager. Hier berühren sich Pro-
bleme, die zugleich an verschiedenen Orten aufge-
griffen werden — so wie dies stets mit Neuerungen
der Fall ist — und heute, wo es im Grunde genommen
keine Entfernungen und Grenzen gibt, auf ihren Ur-
sprung hin schwer untersucht werden können. a
Kunstgewerbeblatt. N. F. XXIV. H. 12

□ Man könnte der neuen Richtung leicht, um ihr
einen Namen zu geben, irgend einen — Ismus an-
hängen. Ein Schlagwort ist schnell gefunden, aber
es hindert daran, der Sache selbst weiter nachzugehen
und ihr Wesentliches herauszufinden. So überlasse
ich die Taufe anderen. n
□ Nur selten ist es einer in den Grundlagen neuen
Kunst möglich, sich an größeren oder gar offiziellen
Aufgaben zu beweisen. Neue architektonische Ideen
in Praxis umzusetzen, ist ja auch gefährlicher, als in
einem Bild Neues zu versuchen. Um so mehr ist es
zu begrüßen, daß die jungen Künstler ihre Entwürfe
gleich lebendig im Stadtgetriebe oder Wohnraum
zur Ausführung bringen konnten. Ob diese An-
fänge und Versuche die einzige Möglichkeit für die
Erneuerung der Architektur und des Kunstgewerbes
sind, und ob alle etwa noch entstehenden über diesen
einen Weg gehen müssen, möchte ich heute nicht
behaupten. Vorläufig kann man nur erkennen, daß
etwas Neues im Entstehen ist, und daß dieses Neue
aus einem klaren Kunstwollen und über einer durch
einheitliche Gesetze gegründeten Basis entstanden,
sich sowohl mit der Tradition eng berührt, als auch
durch die vielen in ihm beschlossenen Möglichkeiten
in die Zukunft weist. °

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