Kunstmarkt: Wochenschrift für Kenner u. Sammler — 8.1911

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72

DER KUNSTMARKT

Kat.-
Nr.
Mark
Kat.-Nr.
Mark
Kat.-Nr.
Mark
279
Tonrelief. Die Enthauptung
284 . . 310
292 .
. 620
299 . . 220
307 •
46
Johannes des Täufers. Schweiz,
erste Hälfte 16. Jahrh. . . .
3110
285 . . 350
286 . . 240
293 •
294 •
. 165
. 165
300 . . 105
301 • . 65
308 .
309 •
• 33
160
280
. . 220
287 . . 195
295 •
• 305
302 . . 80
310 .
• 250
281
Wasserbehälter. Nach Wal-
288 . . 165
296 .
. 270
303 • • 175
3’1 •
50
eher vermutlich Wels, Ober-
österreich, um 1500 . . . .
4100
289 . . 775
297 Grauer Deckelkrug.
Kreußen,
304 • • 130
305 • • 71
312 •
313 •
. 81
24
282
283
. . 750 290 . .
. . 200 291 . .
415
810
17. Jahrh. . . .
298 . . 500
306 .
. 1400
46
Oesamtresultat
466708 Mark.

VERSTEIGERUNG HANS SCHWARZ
Die Versteigerung der Nachlaßsammlung des Wiener
Kunsthändlers Hans Schwarz bei Lepke in Berlin am 8.
und g. November igio hat die Erwartungen, die man an
sie geknüpft hatte, bei weitem übertroffen, denn der Ge-
samterlös von 466708 M. hat die Schätzung um das Dop-
pelte überholt. Die in diesem Blatt (Nr. 4) auszugsweise
mitgeteilte Einleitung zu dem Katalog von Max Friedländer
hatte die Kundigen auf die guten Happen dieser Samm-
lung wohl vorbereitet und bald folgte Überraschung auf
Überraschung. Von den modernen Bildern verdiente nur
ein Waldmüller, eine kleine Landschaft (Nr. 10) Beachtung,
sie brachte 1400 M. Das beste Bild älterer Malerei war
Nr. 29, eine Allegorie (Fleiß und Trägheit?), die aus dem
Besitze Richard Zschilles 1897 auf der Ausstellung aus
sächsisch-thüringischem Privatbesitz im Leipziger Kunst-
gewerbemuseum erschien: ein Werk eines vlämischen Ro-
manisten von 1520, den Friedländer mit dem Meister vom
Tode Mariä zusammenbringt. Auf Zschilles Auktion brachte
das Bildchen 5800 M., jetzt stieg es auf 7100 M. Nr. 27,
die Darstellung der Ehebrecherin von einem Cranach-
schüler, dem in Lübeck tätigigen — Kämner (nicht wie
im Katalog Hans Krell, der ein geringerer Maler ge-
wesen zu sein scheint), wurde für Lübeck mit 4300 M. be-
zahlt. Nr. 25, Teil einer Anbetung der Könige, von Fried-
länder dem Meister der virgo inter virgines zugeschrieben,
brachte 3100 M., eine mythologische Landschaft von Hans
Boi, Nr. 26, 2050 M., ein Tiroler Bild, Nr. 28 (Gott Vater),
2600 M., eine Madonna des Giovanni Boccati, Nr. 22,
3200 M., ein Bartel Bruyn, Nr. 20, 2300 M.
Nach diesem Vorspiel setzte die Versteigerung der
Arbeiten in Holz und Stein ein und bald zeigte sich, daß
deutsche Holzskulpturen guter und selbst nur mäßiger
Qualität in rapider Wertsteigerung begriffen sind. Das ist
die erste Folge des durch die Gründung des deutschen
Museums in Berlin gegebenen Beispiels zur Sammlung
deutscher Skulpturen. Eine halbmetergroße, anscheinend
Kölner Sandsteinfigur der Maria, Nr. 30, erzielte 1100 und
ein kleines Steinrelief mit der Halbfigur Christi, Nr. 31,
kam auf 450 M. — viel weniger als diese Dinge Schwarz
gekostet hatten. Dann aber bei den Hölzern begannen
die Preise schnell zu steigen: ein hübsches Leuchter-
weibchen, Nr. 37, 5200 M., ein kniender König Balthasar,
Nr. 38, 4000 M., zwei kleine Relieffiguren Adams und
Evas, Nr. 43/44, 2300 M., dann eine niederländische heilige
Katharina von 1520, Nr. 48, 5600 M. (Slg. James Simon),
eine abgelaugte Madonna mit dem Kind von Riemen-
schneider, Nr. 49, 9200 M., ein hl. Martin desselben Künst-
lers, Nr. 51, 4700 M. und — ebenfalls von Riemenschneider —
ein schreitender hl. Jakobus mit ausdrucksvollem Haupte,
Nr. 53, 10800 M. Das sind schon sehr anständige Preise,
nach denen der Kunsthandel die Preise seiner Waren
hinaufschrauben kann. Wie würde der heidnische Ritter,
der über das Wunder des hl. Eligius — der ein abge-
brochenes Pferdebein beschlug und tadellos dem Gaule
wieder anheftete — erstaunt die Hände hochhebt (Nr. 54),

sich erst wundern über den Preis, den die Darstellung des
Wunders durch einen unbekannten schwäbischen Schnitzer
gefunden hat. Die 17500 M., die durch den Wettkampf
eines Frankfurter und eines Londoner Kunsthändlers zu-
stande kamen, sind ein Rekordpreis, der die Kauflust nur
noch mehr steigerte. Eine prachtvolle Maria Riemen-
schneiders, einen halben Meter hoch (Nr. 56), die bei der
Versteigerung Hefner-Alteneck 1904 10100 M. gebracht
hatte, wurde für einen zum erstenmal üppig auftretenden
Kasseler Sammler um 17600 M. erstanden. Dann kamen
zwei kleine volkstümliche Figuren von frischem Aussehen,
ein Flötenbläser und ein Dudelsackpfeifer, Nr. 58/59, an
die Reihe, die ein Londoner Händler für 23500 M. kaufte.
Die beiden Gesellen erinnerten wohl an die Art des Pieter
Breughel, aber über ihre Provenienz war genügender Be-
scheid nicht zu erlangen. Eine schöne vlämische viel-
figurige Vermählung der hl. Katharina, Nr. 60, (16. Jahrh.)
erstand James Simon für 5500 M. und zwei reizvolle ita-
lienische Engel als Leuchterträger, Nr. 61/62, (15. Jahrh.)
fielen Herrn Bondi für 9100 M. zu. Dann kam die große
Sensation des Tages, die Versteigerung einer hl. Elisabeth
(nicht Anna, wie im Katalog Nr. 63), eine fränkische Arbeit
vom Anfang des 16. Jahrhunderts.
Es ist eine lebensgroße Figur, deren Fassung — die
Malerei und Vergoldung — vorzüglicher erhalten ist. Mit
dem geneigten Haupt hat die Heilige die anmutige Hal-
tung der früheren Riemenschneiderschen Figuren und im
Ausdruck des ovalen Antlitzes einen rührenden Zug weib-
licher Milde und Einfalt. Um den Besitz dieser einen Ge-
stalt entbrannte zwischen einem Frankfurter Händler und
einem Münchner Sammler ein erbitterter Kampf, der mit
dem Siege des Frankfurters endete — freilich um den tollen
Preis von 64000 Mark. Soviel ist noch nie für eine ein-
zelne Holzfigur gezahlt worden! Nach diesem Trumpf
war man nicht übermäßig erstaunt, als drei Flachreliefs in
der Art des Wohlgemut, Darstellungen aus dem Leben des
Täufers (Nr. 653/0), die auf der Versteigerung Mainberg
1500 Mark gebracht hatten, von demselben Frankfurter
Händler für 35000 Mark gekauft wurden, obwohl die Be-
malung der an sich guten Reliefs überschmiert war. Ein
rheinisches Flachrelief mit der Beweinung Christi (Nr. 66)
wurde für das Berliner Museum um 9000 Mark gekauft,
während ein französisches kleines Steinrelief des 13. Jahr-
hunderts für teure 5600 Mark an das Frankfurter Museum
kam. Daß der große dreiteilige Altar mit der Anbetung
des Christkindes (Nr. 73), eine gute Arbeit der Pacher-
schule — aber nicht »erstklassig« auf 34000 Mark stieg
(Wiener Museum), war auch nicht vorherzusagen. Erwähnt
sei noch Nr. 74, ein Schuster bei der Arbeit 3000 Mark,
Nr. 77, der heilige Hieronymus 3600 Mark, Nr. 78, eine
schwäbische Gruppe Maria im Wochenbett 2700 Mark und
Nr. 81 ein Relief in Kehlheimer Stein 4300 Mark (zu teuer).
Damit war die »Holzauktion« zu Ende. Von den darauf
folgenden Textilien sei erwähnt: Nr. 98, rheinischer Go-
belin, Antependium 4400 Mark (Kölner Kunstgewerbe-
Museum). Die metallotechnischen Sachen gingen in einigen
Fällen sehr hoch, das Hauptstück war ein Augsburger
Fortsetzung auf Seite 76
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