Kunstmarkt: Wochenschrift für Kenner u. Sammler — 8.1911

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DER KUNSTMARK1

Aus dem »Buch der Kunst« (Nr. 4 d. Kat. 388 von Karl W. Hiersemann, Leipzig)


wurde und daher pro Quadratzoll nur auf 16 M. ge-
kommen ist — heute würde das Bild, käme es in
den Handel, ohne weiteres wohl eine Million, also
etwa das 8ofache des ursprünglichen Preises, er-
zielen! Ebenso konnte die Sammlung das Siddon-
Bildnis von Gainsborough 1862 für einen Preis er-
stehen, der pro Quadratzoll nur M. beträgt
Dem stehen nun freilich wieder andere Bilder
gegenüber, die auch diese Sammlung bereits sehr
hoch hat bezahlen müssen. An der Spitze mar-
schiert da wohl die sogenannte Garvagh-Madonna
von Raffael, die pro Quadratzoll bereits 1865 mit
923 M. bezahlt worden ist Das im verflossenen
Jahre erworbene Bildnis der Herzogin Christina
von Mailand von der Hand Holbeins kommt auf
den Quadratzoll auf 750 M. und das nicht lange
vorher angekaufte sogenannte Ariost-Porträt von
Tizian auf 710 M. für den Quadratzoll. Die Ma-
donna mit dem Korbe von Correggio mußte bereits
1825 mit 562 M. für den Quadratzoll bezahlt werden
und würde bei den heutigen Preisen wohl ohne
Mühe das Zehnfache erzielen. Terborchs Friedens-
ischluß zu Münster, ein Bild, das auf eine kleine
'Kupferplatte gemalt ist und ihm selbst zu seiner
Zeit schon 6000 Gulden gebracht hat, wurde bereits
vor 40 Jahren mit 450 M. pro Quadratzoll bezahlt,

Die ungeheure Preissteigerung, die die klassischen
Schöpfungen der Kunst erfahren haben, hat dahin ge-
führt, daß manche Bilder, wenn man ihren Wert pro
Quadratzoll berechnet, auf diesem geringfügigen Raume
kleine Vermögen darstellen. Die englische Monatsschrift
»Lady’s Realm« hat sich die Mühe gemacht, an der Hand
der Schätze der Nationalgalerie in London zu berechnen,
was eine Anzahl der berühmtesten ihrer Gemälde pro
Quadratzoll wert seien. Wir folgen hier dem interessanten
Berichte der »Deutschen Tageszeitung« über dieses Thema.
Da dabei nach englischen Maßen gerechnet ist, so sei er-
läuternd bemerkt, daß der englische Quadratzoll beiläufig
fast die Größe der neuen österreichischen Briefmarken
darstellt und annähernd das Sechseinhalbfache des Quadrat-
zentimeters beträgt. Nach diesem Maßstab kann sich der
Leser selbst leicht berechnen, welcher Wert auf den
Quadratzentimeter käme. Zunächst seien einige außerhalb
Englands befindliche Bilder angeführt Im Schlosse Chan-
tilly befinden sich zwei Werke Raffaels, beide sehr kleinen
Formats, die sogenannte Orleans-Madonna und die Drei
Grazien. Das letztere Bild dürfte an Wert pro Quadratzoll
wohl überhaupt, wie man heute zu sagen pflegt, alle Rekorde
schlagen, denn es wurde mit dem Preise von einer halben
Million Mark bezahlt, und jeder Quadratzoll des Bildes ist
das Sümmchen von 11000 M. wert. Die Orleans-Madonna
ist billiger gekommen, da der Quadratzoll dieses Bildes
»nur« auf 1300 M. zu stehen kam. Beinahe ebenso teuer
ist der Quadratzoll von Millets »Angelus« bezahlt worden:

und die schönen Cattaneo-Bildnisse des van Dyck,
die die Londoner Sammlung im Jahre 1907 erwarb,
sind nach dem Preise, der für sie angelegt werden
mußte, pro Quadratzoll rund 430 M. wert. Zu den Bildern,
die der Galerie noch sehr billig gekommen sind, zählt auch
die Junge Dame am Spinett von Vermeer von Delft. Das
Bild wurde 1892 mit 48000 M. bezahlt, was auf den
Quadratzoll 133 Mk. bedeutet. Bei der außerordentlichen
Begehrtheit der Werke des Vermeer, von dem überhaupt
nur einige 30 Bilder bekannt sind, ist der Marktwert auch
dieses Biildes bedeutend höher anzuschlagen; ging doch
vor wenigen Jahren die Briefleserin dieses vorzüglichen
Malers um mehrere 100000 M. in Berliner Besitz über.
Wie billig das Londoner Museum diesen Vermeer bezahlt
hat, erkennt man leicht, wenn man zum Vergleiche die
Tatsache heranzieht, daß bei einer Auktion im Jahre 1882
ein Bild von Meissonier, das Napoleon in dem Feldzuge
bei Paris darstellt, eine Summe erzielte, die auf 1100 M.
pro Quadratzoll zu berechnen ist. Dagegen ist der Rekord-
preis, der bisher für einen Quadratzoll von Turners Kunst
gezahlt worden ist, nur 210 M. Man sieht aus dieser Auf-
stellung, die leicht noch zu verlängern wäre, zweierlei:
daß nämlich ein Stück Leinwand von der Größe eines
Handtellers, wenn es ein Meister mit Farben bedeckt hat,
einen beinahe unwahrscheinlichen Wert erreicht; dann
aber auch, wie weit der Einstandspreis und der heutige
Marktwert der großen Meisterwerke in zahlreichen Fällen
auseinandergehen.

er ist auf einen Wert von etwa 1200 M. zu schätzen.

Endlich sei noch die 1870 vom Zaren Alexander II. er-

standene Madonna des Constables genannt, deren Er-
werbungspreis 5060 M. auf den Quadratzoll beträgt. Bei
all diesen Berechnungen und Schätzungen muß man aber
in Rücksicht ziehen, daß der Kaufpreis der Gemälde und
ihr heutiger Marktwert keineswegs etwa immer überein-
stimmen. Die Nationalgalerie besitzt Bilder, die ihr er-
staunlich billig gekommen sind, die aber, wenn sie heute
auf den Markt gelangten, mit einem Vielfachen bezahlt
werden würden. Dahin gehört z. B. Jan van Eycks Wunder-
werk des Doppelbildnisses des Arnolfini und seiner Frau,
das 1842 für den lächerlichen Preis von 12600 M. erworben

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schriften (darunter eine Bilderhandschrift in der Nahuatl-
Sprache aus dem Jahre 1536). — Bücher über Geschichte,
Sprachwissenschaft, Naturgeschichte usw. Mexikos (darunter
seltene Drucke aus dem 16. und 17. Jahrhundert, wertvolle
Zeitschriften-Serien usw.).— Varia (darunter schöne illu-
strierte Werke, seltene Ausgabe des Don Quixote usw.).
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