Kunstmarkt: Wochenschrift für Kenner u. Sammler — 8.1911

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DER KUNSTMARKT

In Bozen beginnt am 20. April unter Beirat des ge-
richtlich vereideten Sachverständigen Hugo Helbing die
Versteigerung von Antiquitäten aus dem Nachlasse des
verstorbenen Antiquitätenhändlers Alois Überbacher-Bozen.
Das Überbachersche Geschäft ist wohl den meisten
Sammlern und Liebhabern von Altertümern, die je Bozen
besucht haben, bekannt. Es umfaßt beinahe alle Zweige
des Antiquitätenhandels. Einen Hauptbestandteil der Kol-
lektion bilden die Möbel aus fast allen Zeitepochen.
Auch die zahlreichen Holzskulpturen seien erwähnt, unter
denen sich eine kleine Madonna mit Kind, eine Arbeit des
berühmten Michael Pacher, vollrund geschnitzt und alt-
polychromiert, ein entzückendes Werk von schönster Aus-
führung, findet. Die Arbeiten in Silber, Bronze, Kupfer und
Messing bringen meist gute kirchliche und weltliche Gefäße
und Gerätschaften. Neben hübschen Schmuckgegenständen
figurieren zahlreiche Rosenkränze und Anhänger. Unter
den Arbeiten in Eisen dürften wohl am meisten die
schönen alten Türschlösser, Griffe und Bänder interessieren.
Die Gegenstände sind vom 17.—ig. April im Parterre-
saal des Gewerbeförderungs-Institutes in Bozen zur Be-
sichtigung ausgestellt, woselbst auch die Auktion am
20. April beginnt.
Am 2. Mai beginnt in der Galerie Helbing in München
die Versteigerung der Sammlung der Frau Julie Spengel.
Es ist der gesamte Kunstbesitz der in weitesten Kreisen
auf dem Gebiete alter Textilkunst als Kennerin geschätzten
Dame. Es herrschen alte wertvolle Stoffe, Samte, Brokate,
Stickereien usw. vor. Bei den Samten z. B. sind gotische
und Renaissancemuster, wie sie heute nur selten vorkommen.
Die Brokate müssen in ihrer Geschlossenheit und in ihrer
ziemlich gleichmäßig trefflichen Qualität ganz besonders

hervorgehoben werden. Diese Abteilung repräsentiert eine
Geschichte der Textilkunst vom Ausgang des Mittelalters
bis zum Ende des 18. Jahrhunderts in vielen charakteristi-
schen Beispielen. Namentlich Arbeiten aus den Perioden
Louis XIV., Regence und Louis XV. sind in größter
Mannigfaltigkeit vorhanden. Die gleichen Stilarten herr-
schen auch in der sehr reichen Abteilung der Gold- und
Silberstickereien und der Nadelmalereien vor. Einige Ar-
beiten, wie das große Antependium (Nt. 1203) mit dem
hl. Hubertus im Habitus einer fürstlichen Persönlichkeit
der Zeit (vielleicht Ludwig XIV.), sind Stücke von hohem
Wert. Auch an die schönen liturgischen Gewänder und
Gewandteile sei hier erinnert. Ferner sind einige Tapis-
serien bemerkenswert, namentlich ein Renaissance-Gobelin
(Nr. 1161 des Kataloges) mit Pflanzen und Vögeln.
An über 200 keramische und Glasarbeiten schließen sich
die Arbeiten in Silber an, unter diesen zahlreiche schöne
Pokale (Ananas-Pokal Nr. 202), Becher und Henkelkrüge,
zwei gute reliefierte mythologische Darstellungen (Nr. 264),
ein großes gotisches Vortragskreuz (Nr. 267) ein hübscher
barocker Hausaltar (Nr. 268), sowie einige erwähnenswerte
Büsten und Figuren. An die Arbeiten in Zinn, Eisen,
Kupfer und Bronze, unter diesen ein sehr interessantes
spätgotisches Reliquiarium (Nr. 325) reihen sich die Möbel
und Einrichtungsgegenstände, dabei eine selten schöne
Louis XV.-Kommode (Nr. 482), reich eingelegt und mit
vergoldeten Bronzebeschlägen, und ein Schreibtisch (Nr. 452)
in prächtiger Boulearbeit an. Den Schluß der Antiquitäten-
Abteilung bilden die Plastiken in Holz und Stein mit einer
guten Gruppe aus der Kreuztragung (Nr. 602) und einem
St. Georgin-Relief (Nr. 610). Der Katalog, ein stattlicher,
reich illustrierter Band in Gr.-4°, gibt ein übersichtliches
Bild der Sammlung.


Kommode. Französische Arbeit aus der Zeit Louis XV. Samml. J. Spengel f, München. Aukt. in der Galerie Helbing, München, 2. Mai u. f. T.
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