Kunstnachrichten — 2.1912-1913

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bildung des „Heiligen Grabes" zu Jerusalem ist,
dürfte nur wenigen Personen bekannt sein. Die
im Jahre 1490 erbaute Kapelle stand bis 1825
in Gelnhausen, wo sie von frommen Pilgern nach
glücklicher Heimkehr aus Jerusalem errichtet
wurde. Durch die Anlage einer Straße wurde
ihr Abbruch nötig. Landgraf Friedrich Joseph
von Homburg kaufte die Kapelle für 500 Gulden
und ließ sie auf dem jetzigen reformierten Fried-
hof in Homburg wieder aufbauen. Das Bauwerk
besteht aus zwei Kammern, von denen die vor-
dere, die „Engelskapelle", durch zwei Fenster
erhellt wird. Im Fußboden dieses Raumes liesrt
der „Engelstein", der die Worte „que queit"
trägt, was als „quem quaer itis" (Wen suchet Ihr?)
zu deuten ist. Hinter dem Stein steht der
Opferstock. In dem Grundstein, der die Jahres-
zahl 1490 trägt, lag. als man ihn 1825 öffnete,
eine Flasche mit Jordanwasser. Der hintere
Raum, die Grabkammer, wird durch eine den
Sarkophag darstellende Bank geteilt. Diese be-
steht aus einer Steinplatte, die sich vorn auf eine
andere Piatie mit quadratischem Loch, an der
Wandseite auf eine Konsole stützt. Schmucklos
wie das Innere ist auch die Außenarchitektur
des „Grabes". Außer in Homburg gibt es nur
noch in Görlitz und Nürnberg derartige Nach-
bildungen des „'heiligen Grabes".

Die Zerstörung des Kapitols. Die längst be-
fürchtete Verschandelung des altberühmten Ka-
pitolplatzes wird trotz des Protestes der öffent-
lichen Meinuno- und der ablehnenden Haltung;
der Regierung nunmehr zur Wahrheit. In seiner
gestrigen Nachtsitzung hat der Gemeinderat den
Antrag des Bürgermeisters angenommen, wonach
ein Wettbewerb italienischer Architekten für eine
dauernde Vereinigung der drei kapitolinischen
Paläste ausgeschrieben wird. Der Gemeinderat
Zerbini, der das Projekt für unsinnig erklärte und
darauf verwies, daß der bisherige Zustand der
drei Kapitolspaläste vollauf genüge, wenn der
Stadtrat zu seinen kostspieligen Festlichkeiten
nicht mehr Tausende von Büfetthyänen, sondern
nur eine kleinere Zahl auserlesener Gäste ein-
lüde — dieser Redner in der Wüste wurde durch
die Mehrheit niedergeschrien. Damit ist, wenn
sich nicht im letzten Augenblick die Regierung
zu einem endgültigen Veto aufrafft, der Ruin der
kapitolinischen Schöpfung Michelangelos be-
schlossene Sache, und der Kapitolplatz wird
künftig das ganz unästhetische Bild eines nach
Forum und Palatin hermetisch geschlossenen
Raumes bieten. Armer Michelangelo !

Aus den Kunstvereinen.

Der Verband Deutscher Kunstvereine bereitet
zusammen mit der Renten- und Pensionsanstalt

für deutsche bildende Künstler in Weimar eine

große x\usstellung von Künstlerporträts vor,
die im Laufe des Sommers in München gezeigt
werden und dann die wichtigsten Plätze Deutsch-
lands bereisen soll. Die Sammlung, der beson-
deres Interesse durch eine große Anzahl vor-
trefflicher Selbstbildnisse hervorragender
Künstler gesichert ist, soll etwa die letzten 30 Jahre
umfassen. Um speziell auch jüngeren Künstlern
Gelegenheit zur Beteiligung zu geben, wird, so-
weit als möglich, freie Beschickung zugelassen.
Die Vorbereitunsrsarbeiten für die Ausstellung- hat
mit dem Ortsverband München der Renten- und
Pensionsanstalt für deutsche bildende Künstler in
Weimar der Kunstverein München, als Vor-
ort des Verbandes deutscher Kunstvereine über-
nommen; an letzteren können jetzt schon An-
meldungen, Anregungen und Anfragen gerichtet
werden.

Im Augsburger Kunstverein war im April Paul
Wallots Kolossalgemälde „Die Schiffbrüchigen"
ausgestellt, in dem der Künstler dasselbe Thema,
das vor ihm Delacroix in seiner „Meduse" glän-
zend behandelt hat, anpackt; ferner eine Reihe
Genrebilder aus dem Leben der Juden von
Ismael Gentz. Gemälde von Türcke, Christoph,
Wallham, Mohr u. a.

Die jüngste Ausstellung des Kölner Kunst-
vereins umfaßt als wichtigsten Bestandteil eine
größere Kollektion von Werken (hauptsächlich
Landschaften aus der Mark) des erst in den
letzten Jahren mehrfach genannten Malers Karl
Hagemeister (Werder, Havel). Allmählich
werden diese Werke, schon immer geliebt in
einem kleinen Kreise von Kennern, auch in der
Presse und bei Kennern geschätzt; verschiedene
deutsche Museen haben im letzten Jahre Proben
seiner Kunst erworben. Der 65jährige Meister,
der in idyllischer Einsamkeit an einem Havelsee
lebt, war einstens als junger Malerbursch mit
Feuerbach zusammen in Venedig und dann lange
Jahre hindurch eng befreundet mit dem ver-
storbenen Charles Schuch; heute mag er als
späten Triumph empfinden, daß nun auch ihn
die langentbehrte Anerkennung der Zeitgenossen
erreicht hat. — In diesem Jahre kommt als
Vereinsgabe ein farbiges Bild zur Verteilung an
die Mitglieder, und zwar ein Farbenlichtdruck
nach dem im Besitz des Kaisers befindlichen
Gemälde „Musikstunde" von A. Watteau.

In der jüngsten Ausstellung des Münchener
Kunstvereins interessierte neben der Kollektion
von Friedrich Fehr am meisten die Sammlung
von Bildern, die Joseph Wopfner ausgestellt
hat. Der Künstler, der in diesem Jahre seinen
siebzigsten Geburtstag feiert, ist, obwohl Tiroler,
seit mehr als 50 Jahren, wie sein Lindsmann
Defreffffer, mit München und seinem Kunstleben
innig verknüpft. Die umfangreiche Kollektion
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