Kunstnachrichten — 2.1912-1913

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AUS dem Kunsthandel. Schicksal der zum Verkauf übersandten

modernen Kunstwerke. Im Jahre 1911

Über Einfuhr von Kunstwerken nach den wurden derartige Kunstwerke im Werte von

Vereinigten Staaten von Amerika 1912 liegt 63g 3o7 Doli, und 1912 im Werte von 2 19 918

folgender Bericht des Handelssachverständigen Dq11 wieder ausgefühlt. Das macht im Durch -

beim Kaiserlichen Generalkonsulat in New York gchnitt der beiden Jahre etwa 30% der Einfuhr,

vor: Eine ganz ungewöhnliche Zunahme hat im Wig dig Gesamteinfuhr von Kunstwerken sich

Kalenderjahr 1912 die Einfuhr von Kunstwerken auf die Hauptherkunftsländer in den letzten

nach den Vereinigten Staaten von Amerika auf- drei jahren verteilt hat, zeigt die nachstehende

zuweisen. Ihr Gesamtwert wird in der amtlichen Aufstellung-

Statistik mit 60739776 Doli, angegeben. Im ^ I(^IO IC)ll igi2

Jahre 1911 stellte sich der Gesamtwert auf Herkunftsland Werte in 1000 Dollar

27443374 Doli, und im Jahre 1910 auf Frankreich . . . g igo I7 339 20845

19 447 763 Doli. Nach den Gruppen der Statistik Deutschland

stellte sich die Einfuhr wie folgt: Italien

1910 1911 1912 Niederlande . .

Werte in Dollar Großbrit annien

844 1 302 1 838
766 993 801
242 167 173
7512 5961 35881

Werke amerikanischer Die vorstehenden Zahlen beziehen sich in der
Künstler, im Ausland Hauptsache, bei England und Frankreich fast
hergestellt; zollfrei . 763 649 746 ausschließlich, auf ältere Kunstwerke. Die Auf-
Kunstwerke über 20 Jahre Stellung gibt ein sehr interessantes Bild davon,
alt; zollfrei . . . . 17 643 25 3 11 58 836

wie die Abwanderung älterer Kunstwerke aus
Moderne Kunstwerke; Europa nach den Vereinigten Staaten sich voll-
zollpflichtig . . . . 1 132 1483 1 157 zieht.
Wie aus dieser Aufstellung zu ersehen, ist es Versteigerung einer italienischen Privatkunst-
nur die Gruppe der Kunstwerke, die über 20 Jahre Sammlung in Mailand. Im Laufe des Monats
alt sind und daher zollfrei eingehen, deren Ein- Mai findet hier durch das bekannte Auktionshaus
fuhrwert eine so ungewöhnliche Steigerung auf- Lino Pesaro die Versteigerung der Kunstsammlung
weist. Die Gruppe umfaßt nicht nur Gemälde, des Cavaliere Foresti aus Carpi statt. Ein langes
Zeichnungen und Skulpturen, sondern auch kunst- Menschenleben hindurch hat Francesco Foresti
gewerbliche Gegenstände, die über 100 Jahre alt alle diese Schätze in seinem väterlichen Palast
sind. Es ist aus Mangel an zuverlässigen Unter- in Carpi bei Modena mühsam gesammelt; jetzt
lagen nicht möglich, genaue Angaben darüber aber ist er durch besondere Umstände gezwungen,
zu machen, welche Art von Kunstwerken zu der den Preis seiner Mühen, eine der herrlichsten
Erhöhung der Einfuhrwerte beigetragen hat, ob Kunstsammlungen Italiens, zu verkaufen. Wenn
es die Gemälde waren oder die kunstgewerblichen auch alles, was auf Forestis Vaterstadt Carpi
Antiquitäten. Die Annahme, daß Kunstwerke Bezug hat, dem dortigen Museum verbleibt, so
im Betrage von rund 248000000 M. in einem wird diese Stadt andererseits doch durch den
Jahre in den Besitz von Amerikanern überge- Verkauf auf immer großartiger Meisterwerke be-
gangen sind, ist unwahrscheinlich. Es kann daher raubt. Der zum Verkauf bestimmte Teil der
nur angenommen werden, daß im Jahre 1912 Sammlung hat die Reise nach Mailand bereits
von den Kunsthändlern außergewöhnlich viele angetreten. Darunter befinden sich Werke vom
weitvolle alte Gemälde zum Zwecke der Aus- höchsten Wert wie die sogenannten Capricci,
Stellung für den Verkauf eingeführt wurden, und zwei Landschaften des Trientiner Malers Franz
daß ein Teil, vielleicht diesmal ein großer Teil, Guardi, die Raffael zugeschriebene Madonno del
unverkauft wieder zurückgehen wird. Die Statistik fiore, einst die Krone der leider gleichfalls ver-
weist bei der Ausfuhr fremder Kunstwerke im schleuderten Sammlung des Hauses Spada in
Jahre 1911 den Betrag von 1 091 758 Doli, und Rom, dann Porträts von Mignard, Van Dyck,
im Jahre 1912 den Betrag von 3641296 Doli. Signorelli, Niccolo Roselli, eine Hochzeit von
nach. Naturgemäß gibt die Zahl für 1912 kein Kanaan von Subleiras Tibaldi Maria und zahl-
Bild von dem Umfang, den die Rücksendung reiche andere Bilder der besten Meister der Früh-
der 1912 eingeführten Kunstwerke annehmen renaissance und des Cinquecento. Außerdem hat
wird. Bisher hat, seit durch Inkrafttreten der Foresti viele prächtige Silber- und Elfenbein-
Zollfreiheit für ältere Kunstwerke das Ausstellen raritäten aus dem 14. und 16. Jahrhundert zu-
derselben erleichtert worden ist, die Rücksendung sammengebracht, die nun ebenfalls versteigert
zum Verkauf ausgestellter älterer Kunstwerke werden. Unter den plastischen Werken verdient
nicht mehr wie etwa 8% des Gesamtwertes aus- eine Madonna aus Terracotto, ein Meisterwerk
gemacht. Weit ungünstiger gestaltete sich das Jacopos della Quercia besonders hervorgehoben
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