Lessing, Gotthold Ephraim
Hamburgische Dramaturgie (Band 1) — [Bern], 1786

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allgemein war / nnd bey vielen guten Eigenschaften beste-
hen konnte; daß es noch Länder gicbt, wo er der frommen
Einfalt nichts befremdendes haben würde. Denn er schrieb
sein Trauerspiel eben so wenig für ;ene Zeiten, als er es
bestimmte, ill Böhmen oder Spanien gespielt zu werden.
Der gute Schriftsteller, er sey von welcher Gattung er
wolle, wenn er nicht blos schreibet, seinen Witz, seine
Gelehrsamkeit zu zeigen-, hat immer die Erleuchtesten und
Besten seiner Zeit und seines Landes in Augen, und nur
was diesen gefallen , was diese rühren kann, würdiget er
zu schreiben. Selbst der dramatische, wenn er sich zu dem
Pöbel herablaßt, laßt sich nur darum zu ihm herab, um
ihn zu erleuchten und zu bessern; nicht aber ihn in seinen
Vorurtheilrn, ihn in seiner unedlen Denkungsart zu be-
stärken.

I I.

Den ;ten Ma^, 1767.

Rock eine Anmerkung , gleichfalls das christliche Trauen
spiel betreffend, würde über die Bekehrung der Clorinde
zu machen seyn. So überzeugt wir auch.immer von den
unmittelbaren Wirkungen der Gnade seyn mögen, so we-
nig können sie uns auf dem Theater gefallen, wo alles,
was zu dem Karakter der Personen gehöret, aus dm na-
türlichsten Ursachen entspringen muß. Wunder dulden wir
da nur in der physikalischen Welt; in der moralischen muß
alles seinen ordentlichen Lauf behalten, weil das Theater
die Schule der moralischen Welt seyn soll. Die Beweg-
ungvgründc zu jedem Entschlüsse, zu jeder Ae-ndernna dec
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