Lessing, Gotthold Ephraim
Hamburgische Dramaturgie (Band 1) — [Bern], 1786

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'chen , welche er will; man kennet ihn m der kleinsten noch
immer für den ersten Akteur / und bedauert, auch nicht
zugleich alle übrige Rollen von ihm sehen zu können. Ein
ihm ganz eigenes Talent ist dieses, daß er Sittensprüche
und allgemeine Betrachtungen, diese langweiligen Aus-
beugungen eines verlegenen Dichters, mir eincm Anstan.de,
mit einer Innigkeit zu sagen weiß, daß das Trivialste von
dieser Art, in seinem Munde Neuheit und Würde, das
Frostigste Feuer und Leben erhält.
Die eingestreuten Moralen sind Croncgks beste Seite.
Lr hat, in seinem Codrus und hier, so manche in einer
so schönen nachdrücklichen Kürze ausgedrückt, daß viele
von seinen Versen als Sentenzen behalten, und von dem
Volke unter die im gemeinen Leben gangbare Weisheit aus-
genommen zu werden verdienen. Leider sucht er uns nur
auch öfters gefärbtes Glas für Edelsteine, und witzige
Antithesen für gesunden Verstand einzuschwatzen. Zwcy
dergleichen Zeilen, in dem ersten Akte, hatten eine beson-
dere Wirkung auf mich. Die eine,
„Der Himmel kann verzeihn, allein ein Priester mellt.,,
Die andere,
„Wer sclllimm von andern denktchst selbst einBösewicht.,,
Ich ward betroffen, in dem Parterre eine allgemeine Be-
wegung , und dasjenige Gemurmel zu bemerken, durch
welches sieh der Vcyfall ausdrückt, wenn ihn die Aufmerk-
samkeit nicht gänzlich ausbrechen laßt. THeils dachte ich:
Vortrefflich l Man liebt hier die Moral; dieses Parterr
findet Geschmack an Mammen; auf dieser Bühne könnte
sich eiil Euripides Ruhm erwerben, und em Sokrates
würde sie gern besuchen. Theils fiel cs nur zugleich mit
auf, wie schielend, wie falsch, wie anstößig diese ver-
meynten Maximen wären, und ich wünschte sehr, daß die
Mißbilligung an icnein Gemurmle den meisten Antheil
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