Deutschland <Deutsches Reich> / Reichs-Limeskommission [Editor]
Limesblatt: Mitteilungen der Streckenkommissare bei der Reichslimeskommission — 6.1897-1898

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LIMESBLATT.
Mitteilungen der Streckenkommissare bei der Reichslimeskommission.
Erscheint jährlich in 5—6 Nrn. zum Preise von 3 Mark.

Druck und Verlag der Fr. Lintz'schen Buchhandlung in Trier.
Nr. 27. Ausgegeben am 5. März 1898.

175. Niederbieber. [Kastell]. Dass auf den
Feldern nördlich der Kirche von Nieder-
bieber ein römisches Kastell gestanden
hat, war durch Grabungen, welche der
Hauptmann Hoffmann im Auftrage der
Fürstin Mutter von Wied in dem letzten
Jahrzehnt des vorigen und den beiden
ersten dieses Jahrhunderts vornahm, nach-
gewiesen worden. Die Überlieferung aber
des thatsächlich durch diese Grabungen
festgestellten Befundes an Mauerzügen und
Gebäulichkeiten ist durch ungünstige Um-
stände arg getrübt; denn der von Hundes-
hagen verfertigte, von Dorow im Jahre
1826 veröffentlichte Plan des Kastells be-
ruht nur zum Teil auf wenigen zerstreu-
ten, häufig sich widersprechenden Skizzen
und Notizen Hoffmanns, die vom Bearbei-
ter teilweise missverstanden und falsch er-
gänzt worden sind, auch fehlt fast überall
der die Einzelheiten der Grabung nach
unmittelbarer Anschauung schildernde und
erläuternde Text. Da seitdem planmässige
Ausgrabungen am Kastell nicht stattge-
funden hatten, erschien eine mit Hacke und
Schaufel vorzunehmende Revision und ev.
Ergänzung des Dorow-IIundeshagen’schen
Planes um so mehr geboten, als sich gegen
die Richtigkeit mancher dort gemachten
Angaben nicht unberechtigte Bedenken er-
heben liessen.
Die im Auftrage der R.-L.-K. in der
Zeit vom 1. September bis 31. Oktober
1897 vorgenommenen Grabungen erfreuten
sich seitens der lokalen Behörden, nament-
lich des Herrn Bürgermeisters Bittgenbach
und des Herrn Ortsvorstehers Müller that-
kräftiger Unterstützung und fanden auch
seitens der betreffenden Grundstücksbe-
sitzer fast durchweg bereitwilliges Ent-
gegenkommen.

Die Lage des Kastells im Terrain ist
auf dem kleinen Situationsplan (Bonner
Jahrbücher 47/48 Taf. 10, Fig. 19) von
Cohausen im Ganzen richtig angegeben;
es liegt westlich der von Niederbieber
nach Melsbach ziehenden chaussierten
Strasse, aber derart, dass die rechte Kastell-
front in ihrem südlichen Teil schon unter
diese zu liegen kommt, und die ideelle
südöstliche Ecke östlich über die Strasse
hinausreicht. Dem nach der Wiedbach
sich abdachendem Terrain entsprechend
hat die linke, westliche, Kastellfront die
niedrigste Höhenlage; Prätorial- und De-
kumanseite liegen dagegen in fast gleichem
Niveau.
Das Kastell bildet, an den Aussenkan-
ten der aufgehenden Umfassungsmauer ge-
messen , ein Rechteck von 265,20 m x
198,50 m Seitenlange, hat demnach eine«
Flächeninhalt von beiläufig 52,500 qm.
Die Umfassungsmauer, welche wider Er-
warten fast überall recht gut erhalten war,
und namentlich an der Prätorial-, der
linken und der vorderen rechten Front
stellenweise in Höhe von 1,80 m bis 2 m
über dem Fundamentabsatz steht, hat im
aufgehenden Mauerwerk eine Breite von
1,63 m —1,67 m, und verjüngt sich mit-
telst einer in drei Steinlagen ausgeführten
Dossierung, die 1 m bis 1,20 m über dem
Fundament beginnt, auf etwa 1,52 m bis
1,55 m. Die Aussenseite der Mauer zeigte
an fast allen aufgegrabenen Stellen noch
ihren ursprünglichen weissen Kalkverputz,
dessen deutlich erkennbare Unterkante
0,80 bis 1 m über dem Fundamentvor-
sprung liegt. Die in den Verputz einge-
rissenen und mit bei der Aufdeckung noch
völlige Frische zeigender roter Farbe aus-
gemalten Quaderlinien sind sowohl in hori-
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