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Luckenbach, Hermann
Die Akropolis von Athen — München und Berlin, 1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.876#0057
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C. Die Zeit des Verfalls.

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von Feinden, etwa im Jahre 1685, verstärkt,
wobei der Niketempel abgebrochen und in die
Bastion verbaut wurde. So ging der zweite Bau
zugrunde, der bis dahin nur das Dach einge-
büßt hatte, sonst aber wohl erhalten geblieben
war. Im vorigen Jahrhundert (1835) wurde er
dann aus den alten Bausteinen durch die Deutschen
L. Roß und E. Schaubert und den Dänen
Chr. Hansen wieder hergestellt.

Die Gefahr, deren Nahen das Verschwinden
des Niketempels zur Folge hatte, sollte auch dem
Parthenon verderblich werden. Als nämlich 1683
der Angriff der Türken auf Wien gescheitert war,
bildete sich ein mächtiger Bund zu ihrer Nieder-
werfung, und die Verbündeten gingen ihrerseits
zum Angriff über. Während in Österreich und
Ungarn Markgraf Ludwig von Baden zu Lande
gegen die Türken focht, fuhr von Venedig aus
Morosini nach Griechenland. Er eroberte Korinth
und Ägina und rückte dann zur Belagerung der
Burg Athens heran. Das Landheer, das mit der
Flotte gekommen war, bestand meist aus Deut-
schen, die damals unter den Fahnen Venedigs
fochten. Ihr Führer war der westfälische Graf
Königsmark. Am 21. September rückte Königs-
mark in die Stadt Athen ein; die Burg wurde
beschossen, zunächst vergeblich. Da erfuhr man
von einem Überläufer, daß der türkische Kom-
mandant einen Teil seines Pulvervorrates in
die große Moschee habe bringen lassen. Man
richtete nun die Mörser auf den Parthenon, und
Freitag, den 26. September 1687, flog ein großer
Teil des herrlichen Baues in die Luft. Über
2000 Jahre war er erhalten geblieben, jetzt fiel
er durch eine Bombe, die ein Braunschweiger
Artillerieleutnant gerichtet hatte. Der Zerstörung,
die wesentlich den mittleren Teil betroffen hatte,
folgte dann die Beraubung des Parthenon. Als,
bald nachdem die Burg in die Hände der
Venezianer gefallen war, türkische Truppen
heranmarschierten und Morosini die Notwendig-
keit einsah, Athen zu verlassen, da wollte er
wenigstens nicht nach Venedig zurückkehren,
ohne eine Erinnerung an Athen mitzubringen.
Die Rosse der Athena und die mächtige Ge-
stalt des Poseidon aus dem Westgiebelfelde des

Parthenon sollten die Trophäe sein. Aber die
Arbeiter, denen keine Maschinen zur Verfügung
standen, konnten ihre Aufgabe nicht lösen, tue
Figuren stürzten und zerschellten auf dem Felsen
(1688). Hundert Jahre später (1787) kamen einige
Stücke der Parthenonskulpturen in französische
Hände, sie sind heute im Louvre. Größer war
die Beute des schottischen Lords Elgin, dem es
1801 und 1802 gelang, den größten Teil der
Giebelfiguren, des Frieses und der Metopen vom
Parthenon, eine Statue von der Korenhalle des
Erechtheion und die damals sichtbaren Stücke
vom Fries des Niketempels an sich zu bringen;
diese Kunstwerke bilden heute den Haupt-
schmuck des Britischen Museums.

Die Kämpfe im ersten Drittel unseres Jahr-
hunderts zwischen Griechen und Türken brachten
wieder manchen Schaden, der Parthenon hatte
stark zu leiden und besonders das Erechtheion,
an dem die Decke der nördlichen Vorhalle, die
nördliche und südliche Mauer, zum Teil auch
die Westwand, einstürzte (1825).

Das Jahr 1833 bildet einen Wendepunkt:
die Burg wurde von den Türken für immer
geräumt, und seitdem sucht man zu erhalten,
was noch geblieben ist. Aber das Erdbeben im
Sommer 1894 hat daran erinnert, welchen Gefahren
auch jetzt noch die Ruinen ausgesetzt sind. Hoffen
wir, daß es gelingt, sie noch viele Jahrhunderte
kommenden Geschlechtern zu erhalten. Denn
wenn es auch Ruinen sind, so sind sie doch mit
all dem Glanz, der Ruinen nur anhaften kann,
umgeben, und wer einmal auf der Burg gestanden
hat, der vergißt das Bild nicht mehr. Am
schönsten aber ist es auf der Burg bei Nacht,
wenn der Mond sein magisches Licht auf die
Trümmer wirft. Rings am Horizont auf einigen
Seiten Berge, dann weithin das Meer, aus dem
die Inseln Salamis und Ägina auftauchen. Auf
der Burg selbst aber ersteht in unseren Gedanken
die alte Herrlichkeit, und in uns steigt das Bild
alter Zeiten auf, der Zeiten, da die Kunst diesen
Hügel mit Werken, die einzig in ihrer Art sind,
schmückte. Dann erst fühlt und begreift man ganz
das Zeitalter, das in der Weltgeschichte einzig
dasteht, das Zeitalter des Perikles und Pheidias.
 
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