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Luckenbach, Hermann
Die Akropolis von Athen — München und Berlin, 1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.876#0056
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Fig.

(Nach einer Photographie des Modells von H. Walger.)
D!e Akropolis ron Athen, heutiger Zustand. Der niedrige Hügel links ist der Areiopag.

C. Die Zeit des Verfalls.

Wer heute die Akropolis besucht, der sieht
nur Ruinen, und erst die gestaltende Phan-
tasie kann ihm die Bauten in ursprünglichem
Glänze vor Augen führen. Ein Gefühl der Wehmut
beschleicht ihn bei dem Gedanken, daß alles
so zerstört werden mußte, und ein Gefühl der
Bitterkeit bei dem Gedanken, daß erst die Neuzeit
so vieles in Ruinen verwandelt hat. Denn lange
Zeit waren die Bauten trotz mancher Änderungen
im ganzen unversehrt geblieben. Im 5. Jahr-
hundert, als der Sieg des Christentums ent-
schieden war, wurden Erechtheion und Parthe-
non in christliche Kirchen verwandelt, wobei
das Erechtheion stark beschädigt wurde, der
Parthenon dagegen weniger litt. Im Jahre 1204
kam Athen unter die Herrschaft der fränkischen
Ritter, die zu einem Kreuzzug ausgezogen waren,
vor Konstantinopel aber ihr eigentliches Ziel aus
dem Auge verloren, das alte Herrscherhaus stürz-
ten und das lateinische Kaisertum stifteten. Im
nächsten Jahre (1205) wurde eine fränkische Be-
satzung auf die Burg geführt, und abermals ein Jahr
später (1206) zog in die Kirchen auf der Burg statt
des griechischen Kultus der römische ein. Etwas
mehr als 100 Jahre waren die Franken im Besitz
von Athen, da kamen die Katalonen von Sizilien,

schlugen die Franken aufs Haupt und herrsch-
ten 76 Jahre (1311—1387) über Athen. Ihnen
folgten die Florentiner; 1387 nahm Nerio I. Accia-
juolo Besitz von der Burg. Seinen Palast hatte
er in den Propyläen, und vermutlich1) erhob sich
damals im Südflügel der Turm, der daher der
fränkische Turm heißt und bis zum Jahr 1875
weithin sichtbar als das Wahrzeichen der Akro-
polis erschien (Fig. 39). 80 Jahre darauf kamen
die Türken: die Marienkirche (der Parthenon)
ward 1460 zur Moschee, und im Südwesten wurde
ein Minarett aufgeführt, dessen Treppe noch er-
halten ist. Die traurige Zerstörungsgeschichte
aber beginnt erst um die Mitte des 17. Jahrhun-
derts. Damals war die Akropolis dicht bebaut,
und in den Propyläen befand sich das Pulver-
magazin, der Blitz schlug ein, ein großer Teil der
Propyläen flog in die Luft, die Epistyle und die
oberen Teile sämtlicher Säulen des Mittelbaues
wurden zerschmettert.

Hatte man schon vorher den Westaufgang
durch eine feste Schanze, die vom Nikepyrgos
bis zum Unterbau des Agrippadenkmals hin-
führte, geschützt, so wurde sie beim Heranzug

*) Andere schreiben ihn den Türken zu.
 
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