Lüdecke, Heinz [Oth.]; Cranach, Lucas [Oth.]
Lucas Cranach der Ältere im Spiegel seiner Zeit: aus Urkunden, Chroniken, Briefen, Reden und Gedichten — Berlin, 1953

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AUS LUCAS CRANACHS LEBEN UND WERK

Lucas Cranach erblickte das Licht der Welt, das er als
lebensfroher Künstler preisen sollte, an einem uns un-
bekannten Tag des Jahres 1472 in dem fränkischen
Städtchen Kronach, das sich damals Cranach schrieb;
es liegt etwa hundert Kilometer nördlich von Nürnberg,
wo Albrecht Diirer im J ahr zuvor geboren worden war.
Cranachs Vatersname - die Vermutungen schwanken
zwischen Miiller, Maler, Siinder und Sonder — ist hinter
dem Namen seiner Vaterstadt, dessen er sich als einer
Art von Pseudonym bediente, in die Verborgenheit ge-
raten. Durch einen Wappenbrief wurde der Künstler-
name legalisiert; nichtsdestoweniger nannte man Cra-
nach, wie die Urkunden zeigen, vorwiegend Lucas Maler.
Nach einem sicheren Zeugnis lernte er ,,die Kunst“
von seinem Vater — und das ist alles, was wir von
seinem Anfang wissen. Erst als rund dreißigjähriger
Meister tritt er in unser Blickfeld, mit einer kurz nach
1500 gemalten Kreuzigung im Wiener Schottenstift,
die eine heiße und rauhe Sprache spricht.

Für das zerfallende Heilige Römische Reich Deutscher
Nation begann das 16. Jahrhundert im Zeichen schärf-
ster gesellschaftlicher und politischer Spannungen. Der
seit langem währende Klassenkampf zwischen den Bür-
gern der aufgeblühten Gewerbe- und Handelsstädte
einerseits und dem Feudaladel und der Kirche anderer-
seits strebte dem Höhepunkt zu. Aber auch innerhalb
der einzelnen Lager wuchsen die Gegensätze: im Biir-
gertum zwischen den Handwerkern und der patrizischen
Oberschicht, im Adel zwischen der verarmenden Ritter-
schaft und den erstarkenden Territorialgewalten, im
Klerus zwischen der niederen Geistlichkeit und den sich
bereichernden Pfriindenträgern. Und immer grollender
erhoben die von allen ausgebeuteten Bauern ihre revo-
lutionären Forderungen. Es gab also damals in Deutsch-
land eine beunruhigende Menge verschieden gerichteter

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