Meier-Graefe, Julius [Editor]; Renoir, Auguste [Ill.]
Auguste Renoir — München, 1920

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Neben den Gewalten, die den Genius der modernen Kunst
von allen Banden zu befreien suchen, neben dem Neuen, das immer
zuerst bemerkt wird, das die Schlagworte und Schlachtrufe formu-
lierte und gewissermaßen die Repräsentation übernahm, erscheint
jenes Barock, das im stillen wirkte und auch heute noch kaum
beachtet wird, wie das erhaltende Element, das zusammenfügt, was
die revolutionären Mächte gesprengt haben. In jedem großen
Künstler Frankreichs wirken beide Gewalten zusammen. Wo sie
sich nicht irgendwie ausgleichen, wo der eine Teil den anderen
endgültig besiegt, das Neue jede Teilnahme des Barocks aus-
schließt, erscheint der dauernde Wert des Resultats in Frage ge-
stellt, und keine Neuerung, die dem Organismus der Kunst zugute
kommt und unter Umständen in den Werken anderer glücklicherer
Künstler zur Schönheit beiträgt, kann das Los des kühnen Er-
finders mildern, der alle Brücken hinter sich zerstörte. Erst das
Alte, das wir mit dem weiten Begriff des Barocks zusammenfassen,
macht Neues wirksam, sowie jede Erfahrung nur infolge ihrer Be-
ziehungen zu unserem Fundus von Erfahrungen bestehen kann.
Wir sehen da die bedeutendsten Werte, wo der Ausgleich am
tiefsten geht, wo das Neue sich ganz mit Altem durchsetzt und
trotzdem seine schöpferische Kraft ungebrochen behält.

Das an Ereignissen arme Leben Renoirs, das heute bis zu
seinem siebzigsten Jahre vor uns liegt, ist ein solcher Ausgleich.
Aber man fürchte nicht, in diesem für die Größe der Aufgabe
viel zu geringen Buche viel Problematisches zu finden. Zu
dem Ausgleich Renoirs gehört die Ferne, von gedankenblasser
Grübelei. Man würde falsche Vorstellungen von der glücklichen
Erscheinung des Künstlers erwecken, wollte man die Dinge, die
ihn beschäftigten, nicht mit ebenso leichter Hand andeuten, wie
er sie anfaßte.

Die Anfänge Renoirs verraten nichts von dem Fragonard unserer
Zeit. Er zielt auf eine möglichst lebendige Darstellung der Er-
scheinung. Seine ersten Bilder, die uns bekannt sind, stellen den
Menschen in der Natur dar und spiegeln das Erstaunen wider, das er
selbst beim Anblick der menschlichen Gestalt in der Natur empfand.
Die hohen malerischen Qualitäten verdecken nicht das Primitive des
Eindrucks. Die Kraft wirkt so überzeugend, weil sie sich keiner
versteckten Wege bedient. Es ist die [Zeit des Courbetschen

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