Michaelson, Hedwig
Lukas Cranach der Aeltere: Untersuchungen über die stilistische Entwickelung seiner Kunst — Beiträge zur Kunstgeschichte, N.F., 28: Heidelberg, 1902

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durchaus im Geiste der Zeit gegeben. Die Ausführung ist so
meisterhaft und „echt", dass es mir auch unmöglich ist, hierin etwa
die Kopie eines verlorenen Originals zu sehen. Nach Auffassung,
koloristischem Reiz und Durchführung wäre es eines der originellsten
und feinsten Porträts des Meisters. Die schmälere Bildung des
Kopfes entspricht derjenigen auf den genannten Kupferstichen. —
Halbfigur vor schwarzem Grunde, auf dem oben gross 1510 auf-
gemalt ist.
Der Kurfürst steht etwas nach rechts, hinter einer grauen Stein-
balustrade, an der das gleichfarbige Kurwappen hängt. Er trägt
eine weisse, goldgeschmückte kleine Drahthaube und einen bräunlich-
rötlichen Mantel von feinster Wirkung im Ton, der einen breiten
braunen Pelzkragen und ebensolche Einfassung an den weiten
Aermeln hat. Vorn ist etwas von dem Goldstoff des Wamses und
dem weissen Vorhemd sichtbar, über das eine Kette hängt. Der
mit beiden Händen gehaltene Rosenkranz zeigt Glieder von zarter
Goldschmiedearbeit wie auf den schwarz-weissen Blättern*).
Die feine, leichte Zeichnung des Konturs, die sorgfältige Model-
lierung mit hellgrauen Tönen über bräunlichem Grunde lässt es
doppelt bedauern, dass das gleich vornehme Bildnis Scheurls von
1509 im Jahre 1538 — laut Inschrift auf dem Gegenstücke — so
arg „verneuert" wurde.

II. Abschnitt. 1511—1518.
Die Stilkriterien dieser Zeit sind so ausgesprochene, dass die
neuere Forschung ihr schon die meisten betreffenden Werke zuge-
wiesen hat. Es gilt somit hier in der Hauptsache nur, die sti-
listischen Kennzeichen systematisch zusammenzustellen, auf Grund
deren dies geschah. — Als Resultat der Prüfung ergiebt sich, dass
der Meister durch Konzentration aller Kunstmittel zu einer
Wucht der Gestaltung und Eindringlichkeit des Ausdruckes gelangt,
1) Da die Cranachschen Darstellungen seiner Fürsten nie in den Trachten über-
einstimmen — selbst für die mit dem Meister zusammenhängenden Münzen ist dies
nachgerviesen —, so liegt hier ein Prinzip zu Grunde, das den Luxus der Zeit
bezeugt.
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