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Vorwort

Die früheren Mannheimer Oberbürgermeister, die Ehrenbürger Dr. Hans Reschke
und Prof. Dr. Ludwig Ratzel, haben zu Recht immer wieder betont, daß Mannheim
eine „Stadt der Vororte" sei. Das trifft nicht nur für die Gegenwart und das Lebens-
gefühl der zeitgenössischen Mannheimer zu, sondern mehr noch für die Vielfalt der
geschichtlichen Überlieferung. Von seiner Geschichte her ist jeder der alten Vor-
orte eine völlig eigenständige Größe, deren historische Entwicklung erst sehr spät in
den größeren Strom der Mannheimer Stadtgeschichte einmündet; meistens ist dafür
nicht einmal das Datum der Eingemeindung maßgebend. Daß das auch für Neckar-
au zutrifft, wissen die Neckarauer selbst am besten. Wie eigenständig Neckarau
nach fast hundert Jahren Eingemeindung immer noch ist, bemerkt jeder, der durch
die Friedrichstraße, nach wie vor der zentrale und wichtigste Ortszugang, Neckarau
betritt. Hier trennt immer noch die längst verschwundene Gießenbrücke das Drin-
nen vom Draußen, und darin haben wir eine unmittelbare Wirkung der Geschichte
bis in die Gegenwart.

Heute läßt sich die Aufmerksamkeit der Menschen für die Geschichte anscheinend
leicht gewinnen. Nostalgie und Hinwendung zur eigenen Vergangenheit sind eine
bestimmende Strömung unserer Zeit geworden. Insofern hat sich das heutige Le-
bensgefühl gegenüber dem in den Jahrzehnten des Wiederaufbaus entscheidend ge-
wandelt. Trotzdem greift die Nostalgie zu kurz, wenn sie den Überresten der Ver-
gangenheit lediglich einen exotischen Reiz abgewinnt und so nur die Sentimentalität
befriedigt. Ernsthafte Beschäftigung mit der Geschichte ist mühevoll; denn die Ge-
schichtsschreibung hat die Menschen der Vergangenheit im Bewußtsein der Gegen-
wart lebendig werden zu lassen. Dafür ist die Geschichte einer Gemeinde das beste
und nächstliegende Beispiel; ist die Gemeinde doch eine Welt im Kleinen. Und Nek-
karau ist dies im besonderen Maße wegen der Tiefe seiner Ursprünge, wegen der
Fülle seiner Überlieferungen und wegen seiner ungewöhnlichen historischen Struk-
tur. Beim Gang durch die Geschichte Neckaraus erlebt man immer wieder die Ver-
knüpfung der „kleinen Verhältnisse" einfacher Menschen mit dem großen Atem der
Weltgeschichte. Man erfährt so auch eine Antwort auf die „Fragen", die Bertolt
Brecht „einen lesenden Arbeiter stellen" läßt, „wer denn das siebentorige Theben,
die römischen Triumphbogen und die chinesische Mauer erbaut" habe oder ob
„Alexander Indien und Caesar Gallien allein erobert" hätten.
Die Geschichte Neckaraus erscheint in zwei umfangreichen Bänden. Der erste Band
reicht bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges und führt die äußeren Ereignisse
bis zum Untergang der Kurpfalz im Jahre 1803. Der zweite Band wird die drei Jahr-
hunderte bis zur Gegenwart umfassen. Ursprünglich sollten beide Bände gemein-
sam erscheinen, aber der gewaltige Umfang des Stoffes, die Größe des Projekts, die
Verschiedenartigkeit der Gegenstände und die Vielfalt der Arbeitsmethoden mach-
ten eine zeitliche Aufeinanderfolge notwendig. Obwohl nun die beiden Bände ge-
trennt erscheinen, bilden sie eine Einheit und sind durch häufige Querverweise auf-
einander bezogen. Das Gesamtregister wird am Ende des zweiten Bandes erschei-
nen. Die Darstellung der Neckarauer Geschichte ist nicht nach thematischen Längs-
schnitten gegliedert, sondern in historischen Epochen aufgebaut. Diese sollen in ih-
rer Eigenart erscheinen und vor den Augen des Lesers in ihrer Besonderheit leben-

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