Riegl, Alois
Das holländische Gruppenporträt (Band 1): Textband — Wien, 1931

Page: 108
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ihm die Aufgabe gestellt worden wäre, zwei Personen in engen eroti-
schen Beziehungen zueinander darzustellen. Interessanterweise hat
er uns die Antwort hierauf in einem Bilde des Kunsthistorischen
Museums in Wien* (Nr. 703, Tafel 21) hinterlassen. Wiewohl beide
Teile sich wechselseitig die Natur ihrer Gefühle in ziemlich handgreif-
licher Weise mitteilen, finden sie sich doch nicht veranlaßt, einander
dabei anzublicken. Der Mann schaut vielmehr voll, wie ein Porträtkopf,
zumBeschauer heraus: er lebt in diesemAugenblicke eben ausschließlich
seiner subjektiven Tastempfindung und will nichts Objektives um
sich sehen. Das Mädchen dagegen verrät in ihrem gesenkten Blicke
zugleich ein verlegenes Schuldbewußtsein und damit eine tiefere
seelische Kegung. Will man das spezifisch Holländische darin recht
deutlich erkennen, so braucht man bloß die vlämische Auffassung des
gleichen Themas daneben zu halten, wie sie z. B. Rubens' Croc en
jambe in der Münchner Pinakothek (Tafel 22) vorliegt. Während
bei Aertsen alles auf Empfindung reduziert ist, erscheintbei Rubens alles
als Handlung. Der Mann hat seine sämtlichen Sinne einheitlich auf
den Gegenstand seiner Eroberungssucht gerichtet und das Wider-
streben des Weibes verrät nur allzu deutlich, daß es nicht ernst ge-
meint ist. Ihr Kopf erscheint aber, wie sich dies beim Nordländer
Rubens versteht, durchaus nicht ohne psychologische Vertiefung;
denn es malt sich darin mit köstlicher Klarheit die Politik, die sie
gegenüber der Attacke äußerlich befolgt. In keiner Weise erscheint
sie dabei von irgendeinem leidenden Gefühle des Schuldbewußtseins
angekränkelt, das Rubens (zum Unterschiede gegenüber van Dyck)
grundsätzlich vermieden hat. Ferner hat Aertsen die Objekte des eroti-
schen Reizes hinter Gewändern verborgen, so daß der Beschauer sie
sich subjektiv ergänzen muß, während sie bei Rubens größtenteils
entblößt und damit offen klargelegt sind. Also Uberall innere Einheit
und Objektivismus beim vlämischen Meister, wo der Holländer den
Umweg Uber die Empfindungstätigkeit und das Erfahrungsbewußtsein
des betrachtenden Subjektes genommen hat.

* Das Bild ist von seinem Sohn Pieter Pietersz, (vgl. Johannes Sievers, Pieter Aertsen,
Leipzig 1908, S. 128 f., Tafel 32).
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