Riegl, Alois
Das holländische Gruppenporträt (Band 1): Textband — Wien, 1931

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DIE VORSTUFEN

Ein Gruppenporträt konnte nicht früher entstehen, bevor sich
nicht ein Einzelporträt ausgebildet hatte; dies ist aber in den Nieder-
landen im ersten Drittel des XV. Jahrhunderts geschehen. Anfänglich
erhebt das Einzelporträt noch nicht den Anspruch auf selbständige
Geltung; es führte sich vielmehr als ein bloßes Anhängsel desHistorien-
bildes ein. Der Maler malte nach wie vor bloß Kultbilder, deren
Anblick die beruhigende Gewißheit von Unsterblichkeit und Erlösung
vermitteln sollte; aber er malte jetzt ein Abbild des Stifters samt
dessen individuellen leiblichen Eigenschaften hinzu, um ihn damit
gewissermaßen in persönliche Beziehung zu jenen Erlösungsmächten
zu setzen. Die mittelalterliche Anschauungsweise, die das Physische
Woß als notwendiges Ausdrucksmittel f'llr die Existenz des allein
beachtenswurdigen Seelischen geduldet hatte, erscheint damit einer-
seits in einem entscheidenden Punkte Uberwunden, da nun den
zufällig vergänglichen Besonderheiten der individuellen Körper wieder
Aufmerksamkeit zugewendet wird. Anderseits erbt sich aber gerade
in der niederländischen Kunst die mittelalterliche Auffassung dahin
fort, daß sie die Porträtfiguren recht nachdrücklich bloß als allerdings
individuelle AusUber seelischer Funktionen charakterisiert. Nament-
lich eine Vergleichung niederländischer und italienischer Porträts
stellt diesen Sachverhalt, auf den noch zurückzukommen sein wird,
außer Zweifel. Wiewohl schon Jan van Eyck selbständige Bildnisse
gemalt hat, so finden wir doch noch lange nach ihm, z.B. beiMemling,
öfter selbständige Porträtfiguren, betend dargestellt, ohne daß, wie bei
der Verbindung mit dem Flügelaltar, ein bestimmtes Ziel ihrer An-
dacht gegeben wäre. Wir dürfen daher mit Sicherheit annehmen,
daß auch das Gruppenporträt, falls seine Entstehung noch in die
ältere, vorreformatorische Zeit fallen sollte, seinen Ausgang vom Kult-
oild genommen haben müsse.

In der Tat vermögen wir die ersten Anfänge des Gruppenporträts
noch im XV. Jahrhundert in solchen Bildern religiösen Inhalts nach-
zuweisen, in denen statt eines mehrere Stifter anzubringen waren. Das
Familienporträt ist hievon freilich aus eingangs erwähnten Gründen
auszuschließen; aber wenn wir z. B. auf den Flügeln eines Altarbildes
von Memling aus dem Jahre 1479 im Johannesspital zu Brügge je
zwei Vorsteher und Vorsteherinnen dargestellt sehen, liegt darin

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