Schade, Werner
Die Malerfamilie Cranach — Dresden, 1974

Seite: 7
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ZUR EINFÜHRUNG

us der Perspektive einer Malerfamilie wie der Cranachs allein ließe
sich deutsche Geschichte des sechzehnten Jahrhunderts kaum
fassen. Wenn die Cranachs auch vielfältig in deren Verhältnisse und
Widersprüche verwickelt wurden, so handelten ihre Prozesse doch
in zu weiten Räumen und mit zu schwerwiegenden Entscheidungen
für Deutschland, als daß sie in dem lokalen Brennpunkt der Wit-
tenberger Werkstatt total gespiegelt würden. Obgleich das Land
nicht im Zentrum der kontinentalen Entwicklung stand und nicht
in die europäische Hauptströmung nationalstaatlicher Konsolidierung geführt wurde, nahm
es an den geistigen und kulturellen Veränderungen des Zeitalters in hervorragender Weise
teil. Die Stärke der Gegenströmungen, die im Verlauf der Entwicklung deutlich hervortrat,
vervielfältigte den Stoff für gesellschaftliche Konflikte. Die Überzeugung von einer notwen-
digen Veränderung der Verhältnisse war in den Jahren um 1500 allgemein. Entschiedenes
Handeln prägte eine gefühlsgeladene, gedankenreiche Kultur, die für die Nachwelt das ein-
drucksvollste Zeugnis der frühbürgerlichen deutschen Revolution ist.

Die künstlerischen Errungenschaften dieser Zeit sind greifbar und groß. Es waren Bilder
und Bildwerke, die vor allen anderen Äußerungen der Kultur eine Macht über die Gemüter
auszuüben begannen, allgegenwärtig und jedem verständlich, bald allerdings vom Wort ver-
drängt. Mit Bezug auf Dürer konnte Paracelsus davon sprechen, daß der Himmel zu gewissen
Zeiten die Menschen mit Gewalt in ein Handwerk treibe. [1] Wirklich war der Sprung des
jungen, zum Goldschmied bestimmten Künstlers in das viel reichere Wirkungsfeld des Malers
unerhört: der Kaiser sorgte für ihn, und die beiden Weltstädte des Kontinents, Venedig und
Antwerpen, suchten ihn für sich zu gewinnen. Die Menschen erwarteten Bilder, die ihrem
eigenen geschärften Empfinden für Wahrheit, Freiheit und göttliche Gnade entsprachen. Ein
lebhaft erfaßtes Bildnis oder ein Stück Abbild der Natur konnte von humanistischen Rednern
als Lebensnotwendigkeit gefeiert werden. Dabei hatten die Darstellungen aus dem demütigen
Bewußtsein echten Beginnens bescheidenes Maß. Die Schlichtheit und Dichte der Schöp-
fungen ist besonders hervorzuheben im Verhältnis zu der äußeren Größe späterer Zeiten. Die
einfachste Gattung der bildenden Künste, das Zeichnen, erlebte gerade in Deutschland eine
unvergleichliche Blütezeit. Zeichnungen haben darüber hinaus für die Entwicklung der
Künste eine ähnliche Bedeutung wie Versuche für die Entwicklung der Wissenschaften. Es
dürfte daher schwerfallen, für die neuartige Verankerung der Kunst in der Wirklichkeit ein
stärkeres Zeugnis beizubringen als die Künstlerzeichnung. Kupferstich und Holzschnitt, die
unmittelbar aus ihr entspringen, verbreiteten die neue Kunst. Gewiß war sie ein Ergebnis des
bürgerlichen Wirkens und der frühen kapitalistischen Entwicklung. Aber ihre Wirkung war
nicht auf eine einzelne Klasse beschränkt. Das hohe menschliche Selbstgefühl, das sie ver-
körperte, mußte dort am stärksten aufgenommen werden, wo es praktisch unterdrückt wurde,
bei den Bauern und allen in Armut verbündeten Schichten der Gesellschaft. Gerade bei ihnen
wurde die Verweltlichung der Kultur und die darin geleistete mythische Überhöhung des
Menschenbildes verstanden und revolutionierend wirksam. [2]

Während der Regierungszeit Kaiser Maximiiiansi, schien die Lösung der anstehenden Fragen
einer künftigen deutschen Nation im Sinne der Mehrheit nicht unmöglich. Die verspätete,
aber rasche kapitalistische Entwicklung ließ das Land zu einer wirtschaftlichen Großmacht

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