Schade, Werner
Die Malerfamilie Cranach — Dresden, 1974

Seite: 109
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NACHWORT

ranachs zähes nachgiebiges Schaffen, sich gleich bleibend und zu-
gleich ständig erneuert, fortgeführt durch den hochbegabten Sohn,
dabei in der Wirkungsmöglichkeit bereichert, doch zuletzt erstarrend,
gehört überwiegend in ein Zeitalter abklingender revolutionärer Be-
wegung. Der Entdeckung des freien Menschen im Zeitalter der
Renaissance folgte nunmehr die Entdeckung des Menschen als eines
sozial bedingten Wesens. Die neuen Machtverhältnisse gestatteten
den Fürsten, in ihren Handlungen geringere Rücksichten auf die be-
sonderen Interessen der Untertanen zu nehmen. Nach einer Reihe von Kriegszügen festigten
sich die entstandenen Ordnungen. Der innere Ausbau der Herrschaft und die wirtschaftliche
Entwicklung des Landes traten in den Vordergrund. Der Inhalt der anfänglichen höfischen
Kultur um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts bestand in der Rechtfertigung der erweiter-
ten Herrschaft. Riesenhafte Formate warben für gewaltige Herrschaftsansprüche und traten
anderen auf gleiche Weise begründeten entgegen. Das Bildnis des Fürsten und seiner Familie,
die Darstellung von Ahnen- und Wappenreihen gelangten zur Blüte. Im Gemälde einer Hof-
jagd konnte ein Bündnisangebot unterbreitet werden, in der Darstellung der Taufe Christi die
Verbrüderung zweier Fürstenhäuser, im Landschaftshintergrund unter dem gekreuzigten
Christus die gelungene Erwerbung eines reichen Besitztums verherrlicht sein. Die volle Be-
deutung der Bilder hing an diesem Doppelsinn.

Das Bekenntnis zur Reformation Luthers wurde in großen Altarwerken und Epitaphbildern
protestantischer Fürsten gefeiert. Ihre Machtentfaltung konnte sich dabei volkstümlicher Vor-
stellungen und Gestalten bedienen. Der Übertritt eines Fürsten zur Reformation, ursprünglich
oft mit Zögern und Bedenklichkeit vollzogen, wurde zu einem wichtigen Datum, das nicht
weit genug in die Vergangenheit gerückt werden konnte. [807] Die protestierenden Fürsten
des Reichstags von Speyer im Jahre 1529, die ersten Protestanten, wurden nachträglich als
Helden verherrlicht: Kurfürst Johann der Beständige von Sachsen, Fürst Wolfgang von An-
halt, Markgraf Georg der Fromme von Brandenburg-Ansbach. Es waren die Söhne, die mit
solchen Handlungen das Andenken der Vätergeneration ehrten.

Als es im Machtkampf der Fürsten zu Friedensschlüssen kam, wurde diese Art von Bild-
propaganda bald unzeitgemäß. Die Herausbildung zusammenhängender Gebiete protestan-
tischer Herrschaft in Mittel- und Norddeutschland verminderte die Möglichkeit der konfes-
sionellen Auseinandersetzung und die damit verbundene Bildpropaganda. Für die wettinischen
Länder kam der Zeitpunkt der Entspannung verhältnismäßig spät. Zwar hatte bereits mit
dem Regierungsbeginn Kurfürst Augusts im Jahre 1553 eine Politik bedächtiger Sicherheit
anstelle der gewagten Eroberungspolitik des Kurfürsten Moritz eingesetzt. Johann Friedrich,
der Sohn des inzwischen verstorbenen Kurfürsten, durfte jedoch immer noch die Hoffnung
hegen, sich mit französischer Hilfe und gestützt auf eine Adelsverschwörung in den Besitz
der verlorenen Würde zu setzen und darüber hinaus den Griff nach der Herrschaft im Reiche
zu wagen. Der abenteuerliche Plan sollte verwirklicht werden mit Hilfe des Reichsritters
Wilhelm von Grumbach; durch ihn wurde die Idee eines Adelsaufstandes noch einmal lebendig.
Es bedurfte keiner besonderen Mühe, diesen Versuch 1567 in Gotha niederzuschlagen. Die
Grausamkeit, mit der dies von Seiten des Kurfürsten August geschah, erinnert an Hexenver-
folgungen. In der Tat wurde die Gefahr des Verlusts der Kurwürde endgültig gebannt.

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