Schade, Werner
Die Malerfamilie Cranach — Dresden, 1974

Seite: 48
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CRANACHS ZEICHNUNGEN

Die erhaltenen Zeichnungen tragen nicht viel zur Wertschätzung Cranachs bei. In der Arbeits-
ökonomie des Künstlers waren sie weitgehend entbehrlich. Cranach hat sie oft nur benutzt,
um Nebenfragen zu klären. Zeichnen und Malen waren nicht getrennt. Fast alles Malwerk ist
vorgezeichnet, vieles wirkt zeichnerisch im Vortrag des Gemäldes. Man hat oft den Eindruck,
daß Flächen ausgemalt und Einzelheiten eingezeichnet sind: diese Verbindung war wohl eine
Voraussetzung für die rasche Arbeitsweise des Künstlers.

Aus langen, schaffensreichen Jahren ist von Cranachs Hand nur ein Zehntel des Bestandes
an Dürerzeichnungen erhalten. Wirkliche Studien im Sinne Dürers oder Grünewalds sind
selten. Die schöpferischen Möglichkeiten des Zeichnens sind nur in den ersten freien Jahren
genutzt. In der Gemächlichkeit des späteren Werkstattbetriebes leuchtet die überragende
Tafeln 137-119 Gestaltungskraft Cranachs nur gelegentlich auf: bei drei Entwürfen zu Passionstafeln [296],
Tafel 154 einem Parisurteil [297], einer Fassung des Themas Sündenfall und Erlösung [298], einem Ent-
wurf zum erhaltenen Gemälde Christus und die Kanaanäerin [299], dem Skizzenblatt von
Tafel 165 einer Wildschweinjagd [300]. Es sind Federzeichnungen über kaum merkbaren Umrissen mit
schwarzem Stift. Die virtuose Federzeichnung ist mit Bedacht eingesetzt, füllt eigentlich nur
das mit dem Stift gefaßte Konzept aus, aber mit welcher Überlegenheit. Erstaunlich ist die
Treffsicherheit des Zeichners in allen räumlichen Angaben. Jeder Schritt in Richtung auf die
vergrößernde Ausführung tut diesen geistreichen Niederschriften Abbruch. Es sind Blätter,
die nur aus dem Handgelenk hingeschleudert sind.

Gegenüber diesen sehr persönlich gefärbten Skizzen sticht die Mehrzahl der Cranach-
Zeichnungen durch saubere Ausführung mit Hilfe sorgfältiger Lavierung ab. In ihnen sind
die Aufgaben der Ausführung genau abgesteckt. Die alte Bezeichnung für diese Art von
Werkzeichnung lautet Visierung. Anhand von Visierungen konnten Aufträge abgeschlossen
werden. Der Entwurf war so weit ins reine gebracht, daß seine Ausführung in fremde Hände
gegeben werden konnte, wie es bei Glasmalereien oder Bildteppichen damals üblich war.

Beispiele solcher Musterblätter sind in einer Reihe von Altarentwürfen für Kardinal Al-
Tafel 140 brecht von Brandenburgs Stiftskirche zu Halle an der Saale erhalten. Bis zu den Profilen der
Rahmen und den Ornamenten der Aufsätze gehen die Angaben. Die Zeichnungen sind mit
beweglichen Flügeln ausgestattet, Inkarnatteile sind der lebhafteren Wirkung wegen rötlich
gefärbt. In dem alten Bestand Cranachschen Werkstattgutes in Erlangen findet sich noch ein
ganzer Vorrat solcher Übungen. [301] In Vorbildersammlungen wie dieser haben auch Nach-
bildungen nach anderen Meistern Aufnahme gefunden, in diesem Fall Kopien nach Dürer-
gemälden in der Wittenberger Schloßkirche.

Sicher gab es auch Kartons, in denen die Ausführung im großen Maßstab vorgezeichnet
war. Die Werkzeichnungen einer Leuchterkrone [302], einer Kaminsäule [303] sowie die wohl
für Glasmalerei gedachte Vorzeichnung eines Wappenhalters in leuchtenden Farben [304]
müssen in unserer Vorstellung den Verlust an Patronen für Bildteppiche und an Kartons für
Wandbilder [305] ersetzen.

Die große Pinselzeichnung des Leuchters ähnelt den Vorzeichnungen mancher Gemälde.
Fast jedes Bild ist in dieser Weise mehr oder weniger ausführlich vorbereitet. Die durch Alte-
rung transparent gewordenen Farbschichten lassen es oft deutlich erkennen. Am deutlichsten
ist die Vorzeichnung bei Gemälden oder Gemäldeteilen, die dünn und rasch gemalt sind, wie
Tafel 39 die Torgauer Nothelfertafel. [306]

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