Schade, Werner
Die Malerfamilie Cranach — Dresden, 1974

Seite: 107
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Die übliche Vorstellung von der Fortführung der Venus- und Lucretia-Bilder bis in das
reife Schaffen des Sohnes ist bisher nicht zu beweisen gewesen. Die Verhältnisse am Dresdner
Hof waren 1572 so beschaffen, daß der Lütticher Maler Hans Schroer, als er mit einem
Gemälde von Venus und Amor aufwartete, von dem Kammersekretär des Kurfürsten be-
sorgt gefragt wurde, warum er nicht eine geistliche Geschichte <statt dieser Poeterei > gemalt
habe. [801]

Die starre kulturfeindliche Richtung, die in den Jahrzehnten der Regierung Kurfürst
Augusts bestimmend, vielleicht auch für andere Fürsten vorbildlich geworden war, ist in der
nach 1586 einsetzenden kurzen Periode der außenpolitischen Öffnung Kursachsens sicherlich
zu Recht kritisiert worden. [802] Die Glaubenserschütterungen nach der Reformation scheinen
der Glaubwürdigkeit der Kunst schweren Schaden zugefügt zu haben. Unser Bild vom späten
Werk Cranachs des Jüngeren wäre vermutlich reicher, wenn nicht ein großer Teil der Arbeits-
kraft den ephemerischen Aufgaben fürstlicher Repräsentation, die in sich den Keim immer-
währender Erneuerung von Grund auf trägt, gewidmet gewesen wäre.

Das Schaffen des Künstlers in seinen Licht- und Schattenseiten bliebe unverständlich ohne
den Hinweis auf die archivalisch noch erschließbare Breite der Produktion. Sie dürfte die Er-
fahrung Cranachs mitgeformt und die Eigenart mancher Werke außerhalb der Bereiche deko-
rativer Anwendung, wie zum Beispiel die Porträts, beeinflußt haben.

g SPÄTE LEBENSVERHÄLTNISSE

Cranachs wichtigster Auftraggeber war der sächsische Kurfürst. Auf seine Rechnung wurden
wohl auch die Arbeiten für andere Fürsten wie für Pfalzgraf Johann Casimir 1559, Graf Peter
Ernst zu Mansfeld im Jahre 1564, den dänischen König 1573 und Erzherzog Ferdinand von
Österreich 1578 ausgeführt. In der Korrespondenz mit Kurfürst August wurden auch andere
Geschäfte berührt: die Übernahme des Bürgermeisteramtes durch den Künstler, Fürsprachen
für ein Familienmitglied oder in bestimmten wirtschaftlichen Angelegenheiten.

Es entfielen aber für Cranach die Vergünstigungen eines Hofmalers; wenn er einmal von
1565 bis 1575 auf die Bezahlung seiner Arbeiten warten mußte, bedeutete das für ihn gewiß
eine bedeutendere Einbuße als für einen bestallten Künstler.

Unter den Arbeiten für andere Fürsten ragen die für die Anhaltiner und insbesondere wohl
für Joachim Ernst hervor. Einige der glücklichsten Bilder Cranachs entstanden in seinem Auf-
trag. Die Hohenzollern scheinen weniger durch den kurfürstlichen Hof als durch die Hofhal-
tungen Herzog Albrechts von Preußen in Königsberg und Markgraf Georg Friedrichs ver-
treten gewesen zu sein.

Die im großen und ganzen etwas unsicheren Auftragsverhältnisse haben die materiellen
Verhältnisse Cranachs sicherlich ungünstig beeinflußt. Genaue Rückschlüsse sind schwierig.
Das Grundvermögen von über viertausend Gulden, das der Vater 1528 zur Versteuerung
angab und das bis zu seinem Tode vergrößert worden sein mag, war nicht ungeteilt in die
Hände des Sohnes gekommen. Da Barbara, die mit Christian Brück verheiratete Schwester des
jüngeren Cranach, allein fünftausend Gulden als Erbteil erhielt [803], muß die Hinterlassen-
schaft für insgesamt vier Geschwister mindestens zwanzigtausend Gulden betragen haben. Von
ihm erhielt Lucas, der einzige männliche Erbe, wohl den gleichen Anteil, wahrscheinlich in
Gestalt des Hauses mit dem dazugehörenden Grundbesitz, allen Einrichtungen und Vorräten,

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