Stephani, Ludolf
Der Kampf zwischen Theseus und Minotaurus: eine kunstgeschichtliche Abhandlung — Leipzig, 1842

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I

Die folgende Abhandlung" beabsichtigt nachzuweisen, auf welche Art und Weise die Sage vom
Kampfe zwischen Thcseus und Minotauros von der alten bildenden und zeichnenden Kunst aufgefasst, und
wodurch diese Art und Weise veranlasst worden ist. Da die Art der Aulfassung einer Sage stets vor
allein Anderen durch die Art ihrer Entstehung bedingt ist, so wird die Untersuchung von dieser ausgehen
müssen. Eine Sage aber spricht jederzeit eine Vorstellung aus, welche das durch eine oder mehrere
Reihen von Vorstellungen wahrscheinlich Gewordne als wahr setzt. Daher wird eine wissenschaftliche
Untersuchung, deren Gegenstand die Bildung einer Sage ist, zuerst nach jenen Reihen von Vorstellungen
selbst fragen, sodann, wann und wo sie die Sage hervorbrachten. Die vollständige Geschichte einer
Sage würde noch hinzuzufügen haben, welche neue Vorstellungen noch nach der Bildung hinzutraten und
welche Veränderungen diese an der Sage hervorbrachten.

Die beiden Vorstellungen, auf deren Vorhandensein vor der Bildung der Sage vom Kampfe
zwischen Theseus und Minotauros, und auf deren Mitwirken bei der Bildung derselben wir mit völliger
Gewissheit schliessen können, weil diese Sage ihr Vorhandensein mit Notwendigkeit voraussetzt, sind die
Sagen vom Dasein des Theseus und des Minotauros. Bevor wir nach den übrigen Vorstellungen fragen,
und untersuchen, wann und wo sie die Sage bildeten, haben wir also die Bildung dieser beiden Sagen
zu entwickeln.

Wer auch nur bis jetzt von dem Ort gesprochen hat, wo sich die Theseus-Sage gebildet habe,
hat als eine ausgemachte Sache angenommen, dass Athen dieser Ort gewesen sei, ohne den Beweis für
diese Annahme zu führen5 offenbar weil die Sage so viele Einzelnheiten enthält, welche mit grosser
Bestimmtheit daraufhindeuten, und dieselben so leicht zu finden sind, dass eine Zusammenstellung derselben
überflüssig scheint. Auch wir unterlassen dies aus eben diesem Grunde, glauben jedoch eine Frage, die
aufgeworfen werden könnte, ob die ersten Keime dieser Sage nicht etwa in Troizen zu suchen seien,
nicht unbeantwortet lassen zu dürfen.

Dass Attika in den ältesten Zeiten nicht von Ionern beherrscht worden, sondern dass diese erst
in einer spätem Zeit zur Regierung gelangt seien, ist eine so allgemein ausgesprochne Ansicht des Alter-
thums, dass wir genöthigt sind, an eine ihr zu Grunde liegende Thatsache zu glauben. Dieses Gelangen
zur Regierung jedoch dachte man sich bald als ein gewaltsames Eindringen von aussen, bald als eine
Folge einer innern Bewegung. Dass jenes die ältere , dieses die jüngere Ansicht war, erkennt man am
bestimmtesten (um die Meinungen einzelner Schriftsteller, die hier doch nur eine sehr geringe Beweiskraft
haben würden, zu übergehen) aus den ältesten Formen der Sagen von Ion, Aegeus und Theseus, welche
sich zum Theil wenigstens sehr bald nach jener ionischen Umwandlung des attischen Staats gebildet
haben mögen. Die ältesten Formen nämlich dieser Sagen lassen diese drei Helden als eingewanderte Ioner
erscheinen, und es ergeben sich leicht die Formen, welche diese Vorstellung verwischen oder gar leugnen,
als absichtliche spätere Bildungen.

In Betreff des Ion ist dies erkannt, und, wenn auch ohne den vollständigen Beweis zu führen,
ausgesprochen von Müller *), diese Ansicht aber gebilligt worden von Gottfried Hermann 2). Uns würde
hier diese Beweisführung zu weit von der Sache ablenken.

Dass man sich den attisehen Aegeus ursprünglich als einen Fremden dachte, erkennen wir aus
seiner Abkunft, wie sie in der altern Sage dargestellt war. Denn ursprünglich betrachtete man ihn gar
nicht als ein Glied des Erechtheischen Hauses3), wenn schon sich nicht sagen lässt, welcher von den

1) Dor. I, p. 246.

2) Praef. ad Eur. Ion. p. XXXII.

3) Plut. Thes. 13. Myiiiq &frog yfvofiivog TLavdlovi, xal pijäiv 'Eqi-
y&t'Saig TTQogrjxwv.
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