Stephani, Ludolf
Der Kampf zwischen Theseus und Minotaurus: eine kunstgeschichtliche Abhandlung — Leipzig, 1842

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Hatte sich einmal in Athen die Sage gebildet, der attische Staats-Heros habe auf Kreta mit dem
fürchterlichen Minotauros einen Kampf bestanden und ihn glücklich überwunden, so konnte es nicht fehlen,
dass die bildenden und zeichnenden Künste bald auch das Bild dieser Heldenthat entwarfen. Denn die
Künstler selbst, die im Geiste jener Zeit an die Wahrheit der Sage glaubten, mussten, welchem Staate
sie auch angehören mochten, von der Grösse der That ergriffen werden, während die attischen natürlich
noch überdies eine nicht geringe Verherrlichung ihres Vaterlandes darin sahen. Sie inussten erkennen,
wie sehr sich dieser Kampf zur bildlichen Darstellung eignete. Denn er besass nicht allein die gewöhnlichen
Eigenschaften, welche jeden ähnlichen Kampf geschickt dazu machen5 sondern vereinigte in sich noch
zwei, welche ihm einen Vorzug vor vielen andern gaben. Er entsprach dem Geschmacke jener Zeit,
welche vorzüglich das Grausenerregende liebte, durch die Gestalt des Minotauros, und der Staatseitelkeit
der attischen Beschauer durch den Ruhm, welchen er dem Theseus verschaffte.

Dass sich nun auch wirklich jene Künste sehr bald diese Aufgabe gestellt haben, wissen wir
durch die Nachricht des Pausanias *), dass schon Bathykles das Bild dieses Kampfes an der innern Seite
des amyklaeischen Thrones angebracht habe. Pausanias 3) glaubte dieselbe Darstellung auch an der äussern
Seite zu sehen. Allein obgleich uns die Sage von diesem Kampfe durch eine so grosse Anzahl von
Schriftstellern und Bildwerken auch der ältesten Zeit bekannt ist, so findet sich doch nirgends die von
Bathykles angeblich bei dieser Darstellung befolgte Form derselben; und dass sie auch dem Pausanias
noch nicht vorgekommen war, zeigen seine Worte. Wenn schon hiedurch der Verdacht entsteht, dass
man wohl niemals die Sage in dieser Weise gedacht und Pausanias das Bild nicht richtig aufgefasst habe,
so erhält derselbe dadurch noch den höchsten Grad der Wahrscheinlichkeit, dass Pausanias selbst
anderwärts 3) zu erkennen giebt, dass er ungewiss sei, ob der Minotauros ein Mensch oder ein Thier
gewesen sei, mithin leicht einen vollständigen Stier für den Minotauros halten konnte, und dass vom
marathonischen Stier die allgemeine Sage des Alterthums ist, Theseus habe ihn lebendig gefesselt nach
Athen geführt. So berichtet uns Isokrates 4), Diodor 5), Plutarch 6), Pausanias 7); so ist diese That in
allen sichern schon oben erwähnten Darstellungen der Kunst aufgefasst, und selbst Ovids 8) Worte
schliessen diese Vorstellung nicht aus, während die Ciceros 9) offenbar von ihr veranlasst sind. Dadurch
werden wir zu der Annahme genöthigt, dass Bathykles an der äussern Seite des Throns den vom
Theseus gefesselten marathonischen Stier darstellen wollte, welchen Pausanias wegen seiner ungenauen
Vorstellung vom Minotauros für diesen hielt; eine Annahme, welche schon von Kuhn, aberi mit
Berufung auf einen allerdings ungenügenden Grund ausgesprochen, und ebendesshalb allgemein
zurückgewiesen worden ist.

Ob dies die erste Darstellung dieses Kampfes gewesen ist, wissen wir nicht. Fast sollte man
glauben, dass die attischen Künstler sich hierin keinen fremden hätten zuvorkommen lassen. Während
jedoch dies nur Vermuthung bleiben muss , lässt sieh wenigstens so viel mit grosser Sicherheit annehmen,
dass man schon vor Pheidias in Athen diesen Kampf bildete. Zwar kann dies nicht durch das Bildwerk,
welches Pausanias 10) auf der Akropolis sah, bewiesen werden, da dessen Entstehungszeit auf keine
Weise auch nur annähernd bestimmt werden kann, wohl aber druch eine Anzahl Vasengemälde.

1) Perieg. III, 18, 9. xal &n(sta>g (^xn) nQO? Tuvqov tov Mtvca. 5) Bibl. IV, 59.

2) Perieg. III, 18, 7. Tov de Mivm xalov^uvov Tuvqov ovx olda, 6) Thes. 14.
uv&' Ötov nmol^xe Ba&vxXrjg dedejavov rf xal äyofievov vnb Oqni'wg £mvtu. 7) Perieg. I, 27, 9.

3) Perieg. I, 24, 2. fiäp} nyog tov 'Favfjov tov Mivm xalovj.uvov, tttt 8) Metam. VIII, 433 f.
avfjQ i'hi ürjoiov r/v. 9) Tusc. IV, 22. 50.

4) Hei. §. 28. ed. Bekk. 10) Perieg. I, 24, 2

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