Das 500jährige Jubiläum der Heidelberger Universität im Spiegel der Presse: Dresdner Anzeiger — 1886

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Amtsblatt des Königl. Landgerichts, des Königl. Amtsgerichts, der Königl. Polizei-Direction und dcs Raths zu Dresden.

-X Stiftrmgs-Eigenthum. «-—--

Akl*. Freitag den 6. August 1886. 186. JahrMNg.

Dieser Blatt erschcint täglich fr. 7 Uhr. Aboimementspreis für Drcsden <mit ZufcndnngSgcbühr) bierteljährlich 4 Mk., zwcimonatlich s Mk., monatlich 1MI. so Ps., ici den Kaiserl. Deutschen Postanstalten vierteljährlich 4 Mk. so Pf., siir dcn zweiicn nnd diittcn
Monat znsamiiicn S Mk-, sür dcn drittcn Monat jcocn VierteljahreS besonders 1 Mk. S0 Ps., in der K. K. Oesterr.-Ungar. Monarchie pro Ouartal L Guld. 17 Kr. excl. Agtozuschlag. Einzelne Nummcrn kosien 20 Pf. JnsertionSprciS sür die sechsmal gespaltene
BurgiSzeilc 1S Pf., unter Eingcsandt die dreimal gcspalteneZeile S0 Ps.— Gcschästszeit dcr Expcditioncn (K. S. Adreß-Comptoir): Altstadt. an derKreuzkirche 18,1., WochcntagS sr. von 8 biS AbdS. S Uhr, Sonn- u. Fcsttags fr. von 8—>/z1 Uhr, Ncustadt. «aupt.
ftraße 17, i, Etage, WochentagS fr. von 8—iS UHr, Nachm. von 2—5 Uhr, Sonn- u. FefttagS sr. von S—12 Uhr. Jnserate sür die Nummer deS solgcnde» TagcS wcrden jedoch in beiden Expeditionen WochentngS «ne biS 4 Nhr RachmitlagS angenommcn.

Berantwortlich für den rcdactionellcn Theil u. die Börscnbeilage: Redacteur Hermann TheniuS,
sür den Jnscrateuthcil: Jnspector Moritz Walther, beide in Dresden.


Kernsprechstcirenr

«ltstadt Nr. 25». — Ncustadt Nr. S4S.

Den redactionellen Theil betrefleude Mittheilnngen sind an die lliedactlo», aus Jnserate und
AbonnementS bczügliche Zuschristcn an die Expeditio» zu adressiren.

T elegramme

des Dresvner Mnzeigers.

Heidelberg, 5. August. Bei den heute erfolgten Ehren-
proiuolioncn sind zu Ehren-Doctoren ernannt worden: in der theo-
logischen Facultät: Se. K. Hoheit der Großherzog, v. Stocßer,
Präsident deS evangeiischcn Kirchenrathes, Prof. Cornill-Marburg,
Hofprebiger Helbing-KarlSruhe, Decan Zittel-Karlsruhe, Kirchm-
rath Sehringcr-Karlsruhe, BuiS, Pfarrer in Glarus. Jn der
juristischen Facultät: der Erbgroßherzog, Frhr. Bedens in Sieben-
bürgen, Rudolf v. Bennigsen, Geh. Justizrath Dorn-?eipzig,
LandeSgerichtSdirector Kicfer-Konflanz, Obersinanzrath Koch-Berlin,
Professor R. Schöll-München, Senatspräsident v. Stößer-Karls-
ruhe, Professor Stubbs-Oxford, Henry Taine von der ^.onäsmis
krany»i8s, Professor WillemS-Löwen, Professor der Geschichte
Winkelmann-Heidelbcrg, vr. Zeumer-Berlin. Jn der medicinischen
FacultLt: Grabam-Bell, Washington, Professor Chcvrenl-Paris,
Professor v. Bayer-Münchcn, Stacitsminister Jolly-5karlSruhe,
de Marignat-Genf, Baron Nordenskjöld-Slockholm. der Präfldent
der geographischcn Gesellschaft Professor v. Richthofen-Vcrlin, Pro-
fessor der Chemie Roscoe-Manchester, Werncr SiemenS-Berlin,
Prof. Sir William Thomson-Glasgow, Professor Toepler-Dreöden.
Jn dcr philosophischcn Facultät: Brioschi, Präsident der TLenäLmia,
äei Dinesi, Btailand, Prof. Cayley-Cambridge, Prof. Caperro-
dteapvl, Prof.-Cope-Philadelphia, de Candolle-Genf, Oberbaurath
Durm, Restauralor der Universität Karlöruhe, Oberstlicutenant im
Gcneralstabc Max Jähns-Berlin, Geh. Reg.-Rath Prof. Robert
Koch-Berlin, Prof. Marsh-Newhavm (Amerika), Prof. Simon-
Newcombe (Amerika), Prof. Powell-Amerika, Prof. Sweet-London,
der päpstliche Bibliothckar Enrico Stevenson Sohn-Rom, Prof.
I. W. Strutt-England, Lord Rayleigh - England, Or. Toepke-
Hcidelberg, Prof. Pflüger-Bonn, Prof. Pegorini-Rom.

Wien, 5. August. Wie der „Nenen fr. Preffe" auS Con-
stantinopel gemeldet wird, feuerte etn Türke auf den Großvezier
drei Schüsse ab, ohne diesen jedoch zu treffen. Jn dem Verhör
gab derselbe an, daß er in Folge von Ungerechtigkeiten sein ganzeö
Vcrmögen verloren habe und dcshalb die Aufmerksamkeit des Sultans
auf sich lenken wollte.

London, 4. August. Lord Harris ist zum Unterstaats-
sekretär deS KriegSministeriilins ernannt worden. — Jn einem
Schreiben Gladstone's sagt derselbe, in Folge der großen Ermatt-
ung und der Arbeit wcihrcnd der letzten sechs Jahre sehe cr sich
gezwungen, einige Ruhe entweder in England oder im AuSlande
zn sucben; er benachrichtige also die mit ihm corresponvirmdm
Persönlichkeiten, daß er die ihm zugehenden Bricfe nicht selbst be-
antwortcn werde.

London, 4. Augnst. Wie daS »Reutcrsche Bureau" ver-
nimmt, wäre die Nachricht des „Daily Chronicle" auS Kairo
über die demnächst zu erwartende Abberufung Moukhtar Paschas,
um demselbcn den Befchl über die Armee an der armcnischcn
Grenze zu übertragen, ohne Begründung, die Pforte würde einen
dcrartigcn Schritt nur bei sehr wichtigcm Anlaß thnn, außcrdem
seien die Dicnste, welche Moukhtar in Acgyptm leiste, sehr zufriedm-
stellmd und würden von dcr Pforte in der gcgenwärtigen Lage
besonders geschätzt.

London, 5. August. Bcide Häuser des ParlammtS hielten
Nachmittags 2 Uhr die erste Sitzung ab. Das OberhauS nahm
die Vercidigung der neum Pairs vor. DaS Untcrhaus wählte
Pecl einstimmig zum Sprecher, wclcher die Wahl annahm.

Zur Nachtzelt eiugehenve Telegramme befinden fich
in der Börsen-Beilage.

Politische Nachrichten.

* Jn den Vereinigten Staaten zeigt sich die voravs-
gesehene Nachwirkunz der schändlichen Dynamitmorde der
Anarchisten in Chicago, nicht etwa nur in allgemeinm
RcdenSarten gegen die Einwandernng vcrbrecherischer Clcmmtc
aus Europa, sondern sie nimmt bcreits Lie Gcstalt bestimmter Vor-
schläge gcgen deren Fernhaltcn an, wodurch natürlich vie ganze
Einwanderung mit betroffen wird. Zwci Punkte sind es, welche
in Amerika einen ganz besonders nachwirkenden Eindruck gemacht
haben und wclche ganz unbedingt zu polizeilichen VorsichtSmaß-
regeln nicht blos im Congrcß, sondcrn in jedem Einzelstaale der
Union gcgen jene Elemente führen werden. Wenn man cs bloS
mit einer augcnblicklichen Auflchnuug gegen die Polizei zu lhun
hätte, so würde nicht viel Wescns davon gemacht werdm. So
etwaS ist ja schon ofk genug vorgekommen, ja kommt jeden Tag
hier oder dort vor. Zu Bestrafung dafür reichm übcrall die vor-
handenen Gesetze auS, und auch zu ihrer Berhülung sind durch-
schnittlich die Polizeikräfte im Lande ausreichend. Ganz andcrs
verhält es sich mit dem Dynamit-Attentat zu Chicago. Dieseö
ging auS einer längst vorbereiteten, mit furchtbarm Zerstörungs-
mitteln bewaffncten Verschwörung hervor. welche sich nicht ctwa
gcgen cinzelne obrigkeitliche Personen, Richter, Polizisten, Milizen
u. s. w. richtctc, sondern gegm die bcstchendm Einrichtungen Ler
Republik, also gegen diese selbst. Das haben die Aiiführcr sclbst
klar und mit nackten Worten durch Wort und Schrift proclamirt.
Dies ist der erste Punkt, der zur nachhaltigen Erbitterung
gegen diese Verbrecher führm muß, zu ibrer bcharrlichm
Verfolgung und zur Abwehr gegen ihr ganzeö Thun und
Treiben und gegen ihre Zulassung im Lande. Der
zweite Punkt, der alle Gemüther empört, ist die Anwendung
der barbarischen Zerstörungsmittel dürch Dynamit, deffen Gebrauch
zur Vertheidigung oder zum Angriff ein- und sür allemal im
bürgerlichm Lcbm als Barbarei verpönt ist, und dessen Verwender
als Mördcr und deffen Anstifter und Fabrikanten alS Aufbctzer
zum Mord der größten Schwcre dcs Gesetzes verfallen. Selbst
wenn die Chicagver Polizei wie noch immer einzelne Anarchisten
behaupten, als Angreifer den Widerstand hervorgerufen hätte, —
was aber durchauö nicht der Fall ist, — würde der vorbereitete

Gcbrauch von Dynamit unv die auSgcsprochme Tendenz zum
Sturz aller Gesetze den Ausführern und Anstiftern jener Unthaten
jeden Grund zur Entschuldigung dasür rauben. Jm Congreß lie-
gen schon längst verschiedene Anträge für eine strenge Aufsicht der
Einwanderung und die Abgreifung aller Paupers (Arinen) vor —
ein Begriff, den man bekanntlich außerorventlich weit auSdehnen
unv aus irgend welche Mißliebige anwenden kann. Die Vorgänge
zn Chicago aber wervcn noch weitere Vorschiäge sür Beschränkung der
Einwanderung im Congreß zuTage fördern, wie man aus Washington
vernimmt. Natürlich wird dicse Fragc auch weit und breit in der Pressedes
Landes besprochen und auf Errichtung von Schranken gegen die
frühere unbeschränkte Einwanderung gedrungen. Englisch-amerika-
nische Zeitungen schlagen z. B. vor» von jevem Einwandercr eine
Kopssteuer von 300 DollarS zu verlanzen. Damit würde man
aber den besten Elemenien, den fleißigm tüchtigm Farmern und
Handwerkern das Land vcrschließen — also gcrade oer Einwandernng,
welche nicht durch Einbringen von Kapitalien, sondern durch ihrer
Hände Fleiß, ihre Kenntnisse und Gejchicklichleit die Republik von
Anfang an gegründet uiid reich und groß gemacht hat. Die Ver-
brecher-Elemente würden durch diese Steuer schwciiich bctroffen
wcrden. Jm Gegentheil, die Boshcit und Schlechtigkcit gebieten
durchschnittlich über mehr Geldmittel, alS die Rcchlschafscnheit.
Wenn sich die crsten Eindrücke elwas gelegt haben werdm, wird
man in Amcrika hoffentlich zu der Uebcrzeugung gclangen, daß sich
die Republik eben so wenig, wie die europäischm Monarchien, gegm
den Zuzug von Äerbrcchern irgend einer Art hermelisch veischließm
kann, — daß sie sich aber durch flrenge Gesetze nicht blos gegen
vollendcte Unthaten von Anarchiflen, sondern auch gegen Aufreiznng
dazu und zum Umsturz von Gesetz und Verfassung zu schützen im
Stande und dazu wegen ihrer Sclbsterhaltuug berechtigt und ver-
pflichtet ist. _

*Ucber dieFortschritte der russischen Armee seit den
letzten fünf Jahren wird unS senicr Folgendes geschriebm:
Eine der allerwichtigsten durch Czar Alexander III. ius Leben ge-
rufenen Maßregeln ist die völlige Umgestaltung und Vermchrung
der regulären Cavallerie. Die sämnitiichen 46 Linien-Cavallerie-
Regimenter der früheren Dragoner. Husarm unv Ulanen siud zu
einer mit dem Bajonetlgewchr ansgerüsteten EinheitS-Cavallerie
umgewandelt wordcn, welche den stiamcn „Dragoner" führt und
factisch, obgleich dies officicll nicht zrigegcbm wird, zu einer Art
berittencr Jnfanterie gemacht wordcn ist. Zwar haben d>e 10
Cavallerie-Regimeiitcr der Garde noch zugleich mit der Uniform
auch Lcn Namcn der Kürassiere, Ulancn, Dragoner und Husaren bei-
behalten, doch ist dies nur eine den srüheren Vcrhältnisien zugebilligtc
Concession — denn ihr Dienst entspricht wic ihre übrigc Ausrüstung ganz
genau dem der übrigmDragoner. Somit besitzt Rußland alsBerircter
deö rein cavallcristischm PrinzipS jetzt nur noch die Kosakm-Rcgi-
mcnter. Es ist über diese ncue cavalleristische Aera soviel in Ruß-
land selbst wie im Auölande und wohl am meistcn bei unö in
Dcutschlanv geschrieben worden, daß man die Entschcidung über
dm Werth over Unwerth ciner so eiisichiieidendeli Aenderung dcs
bisher gültigcn PrinzipS, daß der Rciter nur Reiter und ohne
schädliche Beeiiiträchligung seines ganzen Werthes nie zugleich
Jnfanterist sein dürfe, allein der praktischen Beweisführung eines
Feldzuges überlaffm muß. Die Russcn selbst behaupten, niit dm
bisher im Frieden gemachten Erfahrungen sehr zufricden zu sein;
soll doch die Schicßfertigkcit der Dragouer, ohne daß der cavalle-
ristische Geist darunter leide, vielfach selbst die der Jnfanterie über-
ticffen. Daß durch jene Ncuerung unter Umständen die Ausnutzung
großcr, selbständig opcrirender Cavalleriecorps cnorm gewimieu
kann, wird auch jedem Laien klar sein — eines aber steht
jcdensalls fest, daß nämlich rie dadurch nothwendige Dvppcl-
ausbildung einer Cavalleric nicht anders als in V-rbindung
mit eincr sehr langen, sechSjährigen, Dimstzeit stattsindm kann.
Eine sehr bcdeutcnde Vermchrung der Cavallerie — um 112 Fcld-
EücadronS — hat ferner dadurch stattgcflindcn, daß jedes Rcgimcnt
statt wie frühcr aus vier Fcld- und cincr Reserve-EScadron jetzt
aus sechs Feldcscadrons besteht, währmd die frühcrcn Ncservc-Eö-
cadronö zu „Reservecadrcö" umgcwandclt wurden. Eine weitere
für die Hcbung dcs ganzen russischcn Offiziercorpö schr wichtige
Nmcrung dcs jctzigcn Ezaren und seincs Kricgsministcrs Wamwwöki
besteht in der Umwandlung der früherm „Militärgymnasicn",
wclche die wichtigste Pflanzstätte für dm NachwuchS des Offiziers-
corps bildeten, in das „CadettencorpS." Die Militärgymiiasim
waren durch den KriegSministcr Miljntin aus dcn alten Cadettm-
corps weiland Kaiscr Nikolauö cntslanden, da diese, wclche mchr
auf die Erziehung der Zöglinge zu praktisch - tüchtigen, dem
Kaiser übcr Allcs trcu ergebenen Ofsizicren, als auf die
Gewinnung allgcmeiner Wissmschaften dm Nachdruck gelegt hatten,
den moderiim Zcitvcrhältiiissen und den Forlschriitcn der Wissen-
schaft überhanpt nichl mehr ciitsprcchcn sollten. Die Militär-
gymnasten Miljutins aber hatten allniälig großentheils ihren mili-
tärischen Charakter völlig verloren und die von ihnen dcr Armce
noch geliefcrten Elementc waren meist iiicht die allerbesten: brachtcn
diese, welche von meist nihilistischen Profcssoren erzogcn und ge-
bildet warcn, doch selbst vieisach den Nihiliömiis in die Armee.
So mnß die Aufhcbung dieser Schulen unv ihre Umwandlung in
das „Cadettciicorps", in wclchem die Erziehung wiederum durchauö
mililärisch und von Osfizieren gelcitct ist, und welchcs im All-
gcmeinen auf der chemaligm Gruudlage basirt, abcr in wiffcn-
schaftlicher Beziehung den hmtigm Verhältnissm entspiechcnd cr-
weitcrt ist, als ein glücklichcr Schritt der beiden Neorganisatorcn
sür die Hebuiig des CorpSgeistes des gesammten russischen Ofsizicr
corpS angesehen werden. _

Deutsches Reich. Der Uebernahme des englischen
AuSwärtigen Amtes durch Lord JddcSleigh w!rd in
Bcrlin eine besondere Bedeutung iin Hinblick auf die Ziele der
russischen Politik zngcschrieben. Wenn man von diesen „Zieleri"
spricht, so mcint man damit nicht die fricdlichen Absichten des Herrn
von GicrS und dcs officicllen Rußlands überhaupt, sondern die
Endzwecke der Panslavisten, wclchc sich gelegentlich als die cigent-
lich treibenden Elemente in Rußland crwiesen haben. Jm Hinblick.

darauf kann es nicht bedeutungsloS sein, Laß der StaatSmann,
welcher jetzt die Diplomatie Euglands leitet, dcrselbe ist, welchcr in
jencr bedcutungsvollcn Winternacht dcs Jahrcs 1878, alö die dcr
Berliner Confcrenz sreundliche Politik Lord Beaconsfield's von dm
Anhängern Gladstone's auf das Schärsste angegriffm wurde, mit
Kraft und Erfolg für die friedlichen Ziele der Bmliner Conferenz
im englischen Parlament, das damals sür die Vertheidigcr der
Beaconssield'schen Politik ein sehr heißer Voden war, eingctreten
ist. Lord Jddesleigh ist, um eö mit einem Worte zu sagen, ge-
wiffermaßen auf dcn Geist vereidigt, wclcher die Politik Lord
Beaconsficld's auf der Verliner Consermz bcseelte. Dieser Gesichts-
punkt darf bei der gegmwärtigen Lage nicht unbeachtet bleiben.

Auch der „K. Z." schreibt man auS Berlin, daß man daselbst
mit großer Befricdignng von der begeisterten Anfnahme erfahren
habe, die Fürst Bismarck während seineS Aufenlhaltes in dcr
bayrischen Hauptstadt seitms dcr königlichcn Familie und aller
Bevölkerungsklaffm gefunden hat. Wenn dieser Bcsuch auch cinen
nnmittelbaren polilischen Zwcck nicht verfolgte und nur eine Höstich-
keitSbezeugung für den Prinzregenten sein sollte, so ist eS doch un-
auSbleiblich, daß sich auch politischc Erwägungen an dieses Ereigniß
knüpfen. Vor allem wird die glänzende Aufnahme, die zuerst das
Oberhaupt dcs Deutschen NeicheS und kurz darauf dcffen höchster
Bcamter in Münchm gefunden hat, dem Auslande den BewciS
liefern, daß die Brücke, die seit 1870 zwischen dem Norden nnd
Süden gescklagm wordcn ist, eine unerschütterliche Festigkeit bcsitzt
und jcde Belastungsprobe ertragen kann. de'ach dcn bisherigen
Bestimmungcn wird Fürst Bismarck bis Ende dicses MonatS in
Gastein bleiben. Es kann nicht ausbleiben, daß d!e gleichzeitige
Anwesenheit des Reichskanzlers, des Statthalters der NeichSlande,
des StaatösecrelärS v. Bötticher und des preußischen KriegS-
ministerS in Gastein den Anlaß zu manchen Vermuthungen giebt;
eS wird hier indcsien versichert, daß es sich dabei nur um ein zu-
fälligcs Zusammentreffm handelt und daß allein der KriegS-
minister eine ausdrückliche Berufung an daö kaiserliche Hostager
crhalten hat, um über cinige wichtige niilitärische Fragen Bericht
zu erstattm. Man vermuthet» daß sich seine Reise nach Gastein
u. A. auch auf die Frage der Wiederbesetzung des Berliner
Gouverncurpostens bezicht.

Die schon gemeldete Reise des Fürsten Hohenlohe nach
Gastein hängt nach Lcm „Deutschen Tagebl." lediglich mit den be-
vorstehmdm großm Manövern in Elsaß-Lothringen zusammen,
AngesichtS deren sich der Kaiser über gewisse dorlige Verhältnisse
Vortrag hallm lasscn dürfte.

Die deutsche Arbeit in den östlichen Grenzmarken
des Reiches, behufS Rückeroberung derselben für
deutsche Gesinnung, deutsche Cullur, wird binnm kurzer Frist
auf der ganzen Liuie bcginnen. Jm Lager der polnischen Agita-
toren kommt bald verbissener Jngrimm, bald Amgstlichkeit und
Vcrzagthcit zuin Vorschem, immer aber verkettet mit dem Gesühl
der, wenn auch widerwilligen, Anerkemmng der Ueberlegenheit deS
DentschthumS in einem mit gleichcn Waffen gcführten ehrlichen
Wettstrcit. Für die national-polnische Agitation stchen die Früchte
ciner jahrzehnlelangcn Unterminirarbeit auf dcm Spielc. Sie wird
dieselben nicht ohne h.irtnäckigste Gcgenwcbr fahren lassen und
orgcmisirt daher diese Gcgenwehr schon seit Monatcn mit Aufgcbot
ihrer gesammten Kräfte und Mittel. Jn diesem Wust von un-
sauberen Leidcnschafteii, unter welchem eine fanatische Opposition
daö Germanisationöwcrk im Osten begrabcn möchte, stehen den
nationalen Bestrebungen der Regierung keine anderen BundeS-
genossen zur Seite, als das Bcwnßtsein ihreö cigencn guten Rechts
und das Vcrlrauen auf den tüchtigen Kern, der im deutschen
Volkc, im dmtschm Arbeiter steckt und dem eS oftmals nur an
dem nöthigcn Spielraume gebricht, seinc Tuamven sieghaft zu be-
währcn. Eincn solchen Spielraum nun eröffnet das Vorgehm der
Staatsregicruiig Tausmden von strebsamcn BcvölkcrungSclemcnlen,
welche sich den Pionicrm zur Ausbreitung des Dmtschthiiins in
dm östlichen Grmzprovinzen einrcihen wollen. Die zur Wahr-
nehmniig der vcutschnationalen Jnteiessen in den ehemals pvlnischen
LandeStheilen bewilligten Gcldmittel, die Hcranziehung eincs
nationaldcutschcn BeamtcnapparatS, die Pflege deS DmtschthumS
in Schule und skirche rc. — alle diese Maßnahmm sind ja von
nicht hoch gcimg cmzuschlagcnder Bedmtung, aber sie bilden doch
immerhin nur das Gerüst sür den eigmtlichcn Bau, den die
deutsche Arbeit ciufzuführm bcrufen ist. Wohin wir im AuSlande
blicken, feiert die dculsche Arbcit ihre Triumphe, obwohl sie in der
Fremde nur aus sich selbst angewicsm ist und des nationalen Rück-
halts ermangelt. Deutsche Arbeit hat dec Uncultur und Wildniß
in femen Zoiicn manch blühcnde Heimstätte abgeruugcn, imv waö
sie imter den erschwcrendslen Umstäiiden leisten konnte, das sollte
ihr doch erst rccht glllcken, wo sie nicht nur dem Vorthcil Einzelncr
dicnt, sondern cine hohe patriotische Scndung zu erfüllen bcrufen
wird. Die friedliche Rückerobcrung dcs von den Hochfluthen
polnischcr Agitation vccschlungenm Gcbietcs innerhalb der eigenen
LaiideLgccnzen ist ein Ziel, welchcS sich dm Aufgaben, die der
dmlschen Aibeit im intecnationalm Wettkampfe um die Behenschung
des WcltmarktcS stestellt sind, ebenbüitig aurciht.

* Die pcenßische Regierung verfügt nunniehr für den
Zweck dcr Besiedelnng der polnischen Landestheile durch
Dmlsche über drei Güier, iiämlich Komorowo und Lubowo im
Kreise Gnesen und ein Gu! im Kreise Flatow (Wesiprcußcn).

Nach polnischcii Blättern sollen dcmnächst 307 Lehrer
aus polnischen Landeölheilm in dcntsche versctzt werden.

Der polnischc „Orcdowiiik" vcröfscntlicht imter der Uebcr-
schrift „Träume niid Wirklichkcil" eincn Aitikel, in welchem
er die von polnischcn Blättem in dcr letztcn Zeit besprochcnen
Projecle znr Rettung Les polnischen Grundbesitzcs ciner
Betrachmng imtcizicht. So habe man, schrcibt das Blatt, von
Nationalbankm gesprochen, welchen die Gclccr aus den Schatullcn
imd Schatzkammem der adeligen Gntsbcsitzer stromwcise zusiicßm
solltcii; man habe geträumt von ker erspricßlichm Tbätigkcit ciner
solchcn Bank, welche, reich dotirt, polnische Gütcr aickauscn, Dar-
lehne gcgen niedrige Ziusen geben werve rc. Jnzwischc» seicn
bercitS Komorowo und Lubowo im Gnesener Kreise und Dolnik in
Westpreußen von der Regierung zu ColonisationSzwecken gekauft
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