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III

DIE ÖSTLICHEN RANDGEBIETE

A) DIE Ä GYPTISCH-PALÄSTINENSISCHE (TRUPPE

Das Gemeinsame der in den griechischen Klöstern
Ägyptens und Palästinas geschriebenen Handschriften ist
die „Karmin-Ornamentik". Sie tritt in zwei verschiedenen
Formen auf. In der einen Gruppe wird der durch das
Ornament stark zurückgedrängte Grund mit Karmin-
farbe ausgefüllt, während die eigentlichen Ornamentmuster
in den meisten Fällen farblos bleiben. Sie wirken daher
wie ausgespart (Abb. 487—490, 493—49$)- Zuweilen
tritt auch ein helleres Kot an die Stelle des Karmin. In
der zweiten Gruppe werden die einzelnen Bestandteile
eines Ornamentes wie Ranke, Blatt und Palmette schmäler
gebildet, karmin oder auch rot konturiert und heben sich
in den meisten Fällen von einem farblosen Grunde ab
(Abb. 304—$06). Beide Formen sind, jede in ihrer Art,
mit der hauptstädtischen Laubsägeornamentik verwandt
(vgl. S. 18); ihr gemeinsamer Ursprung ist die Arabeske,
durch deren Verbreiterung und Verhärtung der laubsäge-
artige Eindruck entsteht. Einige in den Subskriptionen
mitgeteilte Lokalisierungsangaben geben eine ungefähre
Vorstellung, in welchem Umkreis die Entstehung dieser
beiden HandschriAengruppen, die regional sicher nicht zu
trennen sind und hier nur aus methodischen Gründen
gesondert behandelt werden, zu suchen ist: Eine Hand-
schriA nennt Afrika (S. 73), aus der Subskription einer
zweiten ist der Name Ägypten zu erschließen (S. 74)
und eine dritte ist im Saba-Kloster in Palästina ge-
schrieben (vgl. S. 73).
Das Hauptstück der ersten Gruppe ist ein Evangeliar in
Paris, Bibliotheque Nationale, cod. gr. 68
(Abb. 483—487)'**. Die Evangelientitel (Abb. 487) und
die Rahmung des Markus-Bildes (Abb. 483) sind mit einer
intermittierenden Ranke gesAmückt, welche die Fläche so
auszufüllen trachtet, daß vom Karmingrund nicht viel
mehr übrig bleibt als die Begrenzungslinien der Ranken
und die Einschnitte in die Rankenblätter. Diese Karmin-
zeichnung wirkt aber nicht wie eine bloße Füllung des
Grundes, sondern wie ein selbständiges Muster, dessen
dekoratives System oA ebenso in die Augen springt wie die
*2* Bordier, S. 28. / Tikkanen, Stud., S. to$ Anm. 1, 106 Anm. 1,
141 Anm. 1.
*25 Wl.de Grüneisen, Les characteristiques de Part copte, Taf. 63 b.
*2° O. von Falke, Pantheon, Bd. 5, 1930, S. 40, Abb. 2; S. 44, Abb. 8.

ausgesparte Ranke. Diese Rankenmuster Anden sich über-
all in der ägyptischen Kunst dieser Zeit, sei es auf kop-
tischen Grabstelen'N oder auf einer Gruppe von elfen-
beinernen Oliphanten, die mit gutem Grunde nach Ägypten
lokalisiert werden"*". Während auf Abb. 483, wie in den
meisten Fällen, die Ranke unbemalt gelassen ist, wird sie
auf dem Titel Abb. 487 mit Gold, Blau und Rot gefüllt.
Die Initialen zeigen bald laubsägeähnliche, bald arabesken-
haAe Formen (Abb. 487).
Erhalten sind drei der Evangelistenbilder: Markus
(Abb. 483) und Lukas, sitzend auf einem Sessel mit
Lehne in Lyraform, und Johannes (Abb. 486) frontal
stehend. In ihrer GroßAächigkeit sind sie nicht ohne
monumentale Wirkung, die auf Vorbilder der Wand-
malerei schließen läßt. Besonders der stehende Johannes läßt
sich mit den koptisAen Fresken von Saqqara"*' vergleiAen
in der stämmigen Gedrungenheit und der die Struktur des
Körpers erweichenden Konturierung sowie in den großen
Köpfen mit der wie von oben her eingedrückten Stirn.
Ebenso charakteristisch koptisch ist die Behandlung der
Glanzlichter auf den Gewändern: sie dienen weder zur
plastischen Belebung wie in der Konstantinopeler Malerei,
noch betonen sie in so starkem Maße die straAe Senk-
rechte wie in kleinasiatischen HandschriAen (z. B. Sinai-
Cosmas und Venezianischer Hiob), sondern aus einer Art
SchraAierung wird ein gleichmäßiges Flächenmuster ge-
bildet. Der Schemel des Markus steht auf einem Aiesen-
artigen Teppich, wie er ähnliA in armenischen"^ und
arabischen HandschriAen vorkommt und auf islamischen
EinAuß deutet. Eigentümlich ist die Farbgebung der
Gewänder, die in allen Bildern die gleiche ist: ein weiß-
licher, graublauer Chiton mit mokkafarbenem Himation.
Diese Evangelistenbilder müssen als das Erzeugnis einer
lokalen, auf koptische Quellen zurückgehenden Tradition
angesehen werden. Die HandschriA dürfte etwa der
zweiten HälAe des 10. oder dem Beginn des 11. Jahr-
hunderts angehören, da in diesen Zeitraum die datierten
HandschriAen mit ähnlicher Aussparungsornamentik fallen.
*22 Wl. de Grüneisen 2. O., Taf. 34.
*25 Strzygowski, Die Miniaturen des Tübinger Evangeliars vom
Jahre H13, Tübingen 1907, Taf. IXa.

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