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II

DIE ZENTRALKLEINASIATISCHEN SCHULEN

A) DIE ÄLTESTEN HIOBS-HANDSCHRIFTEN

Der Hiob auf Patmos
Für kein Kapitel byzantinischer Buchmalerei sind die
historischen Anhaltspunkte, Provenienzen und Subskrip-
tionen so spärlich wie für das Innere Kleinasiens. Nur von
zwei Londoner HandschriAen (vgl. S. 6$) wissen wir mit
SiAerheit, daß sie in Kappadokien geschrieben sind, aber
sie sind bilderlos und so ärmlich in ihrer Ornamentik, daß
nur mit Vorsicht SAlußfolgerungen aus ihnen gezogen
werden dürfen. Einige Provenienzangaben aus Trapezunt
(S. $<?) und Cypern (S. 6$) helfen etwas weiter. Aber
für einen großen Teil der in den folgenden Kapiteln be-
handelten HandschriAen sind wir mehr noch als bisher auf
stilistische Erwägungen angewiesen.
Als Vergleichsmaterial für die verschiedenen innerklein-
asiatischen Gruppen kommt vor allem die kleinasiatische
Monumentalmalerei der kappadokischen Höhlenfresken
in Betracht, die Jerphanion*^ publiziert hat. Bei ihrer
Heranziehung für die Geschichte der Buchmalerei gilt
es aber folgendes zu bedenken: Erstens besitzen wir keine
gleichzeitige Freskenkunst weder in der Hauptstadt noch
in einer anderen byzantinisAen Provinz, so daß wir keine
Möglichkeit haben, durch Abgrenzung gegenüber anderen
westlichen undöstliAenKunstzentren das speziAs ch„Kappa-
dokische" oder „Innerkleinasiatische" dieser Höhlenfresken
zu erfassen; zweitens sind die Fresken der einzelnen
Höhlen sehr verschieden unter sich im Stil, und es sind
keine Anhaltspunkte zu einer sicheren Chronologie gegeben,
und drittens bleibt zu bedenken, daß wir in diesen abseits
gelegenen Höhlen vielleicht nicht einmal die charak-
teristischsten und qualitätvollsten Proben kappadokischer
Kunst vor uns haben. Von dieser Seite her sind also nur
in sehr bedingtem Maße Aufschlüsse für die Buchmalerei
zu erwarten.
Die Stilanalyse der noch so verschiedenartigen in diesem
zweiten Abschnitt zusammengefaßten HandschriAen läßt
als Gemeinsames einmal eine malerisch-hellenistische Tra-
dition erkennen, die sich aus der Berührung mit der Kunst
""s G. de Jerphanion, Les Eglises rupestres de Cappadoce, Paris,
Bd. I 1925, Bd. II 1934.
Haseloff, Codex Purpureus Rossanensis, 1898, S. 132.
3"" Gerstinger, Die Wiener Genesis, S. 177.

der Hauptstadt und des westlichen Kleinasiens ergibt, und
zweitens eine besondere Eindringlichkeit und oA Drastik
der Gebärdensprache, die als das Charakteristikum der
syrischen Buchmalerei, deren hervorragendster uns heute
erhaltener Repräsentant der Florentiner Rabula Codex
ist, gelten darf. Die Vereinigung dieser beiden Kom-
ponenten ist der gemeinsame Nenner der unter der
BezeiAnung „zentralkleinasiatische Schulen" zusammen-
gestellten HandschriAen. Aus ähnlichen Erwägungen her-
aus ist bereits seit HaseloAs Behandlung des Codex
Rossanensis^ bis zur neuesten VeröAentliAung der
"Wiener Genesis durch Gerstinger""' immer wieder der
zusammengehörende HandschriAenkreis, die Wiener Ge-
nesis, der Codex Rossanensis und der Codex Sinopensis,
nach Kleinasien lokalisiert worden.
Wenn an den Anfang unserer Untersuchung eine reich
illustrierte Hiobs-HandschriA auf Patmos, cod. 171,
als die älteste der hier zu behandelnden zentralkleinasia-
tischen HandschriAen gestellt wird^, so wird nicht nur
die Frage nach jenen zwei oben erwähnten Komponenten
zu stellen sein, sondern auA nach ihrem Verhältnis zum
HandschriAenkreis um die Wiener Genesis.
Der Patmos-Hiob ist die älteste illustrierte grieAische
HandschriA überhaupt, die sich noch heute im Osten
befindet. Aus einer Subskription, die von späterer Hand
ist, geht allerdings nur hervor, daß eine gewisse Eudokia
im Jahre $$<? die HandschriA von einem Leo aus Rhodos
gekauA habe. Vermutlich hat sich also die HandschriA im
10. Jahrhundert auf Rhodos befunden; über ihre frühesten
Schicksale wissen wir nichts.
Das Buch Hiob muß auf Grund seines meditierenden Ge-
haltes in der östlichen Mönchswelt sich großer Beliebtheit
erfreut haben. Aus der Zeit bis zum beginnenden 10. Jahr-
hundert sind drei äußerst reich illustrierte Hiobs-Hand-
sAriAen erhalten, auf Patmos, in Venedig und im Vatikan
(vgl. S. $1, 77). Alle drei gehören verschiedenen Kunst-
kreisen an, hängen aber doch in ihren Kompositionen so

Kondakoff I, S. 132 Anm. 1. / Brockhaus, S. 172 Anm. 1. /
Sakkelion P. B., S. 90. / Gardthausen, S. 130. / Ders., Cat. Sin.,
S. 263. / Jacopi, S. 374, 384 (Beschreibung der Tafeln), Taf. XV bis
XXII, Pig. 91-128.

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