Windelband, Wilhelm
Präludien: Aufsätze und Reden zur Philosophie und ihrer Geschichte (Band 1) — Tübingen, 1915

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Schillers transszendentaler Jdealismus.

meintlichen Nenerung wesentlich doch im Bannkreise der
kantischen Philosophie bleibt — das wird schließlich daranf
hinauskommen, wie hoch man die Notwendigkeit des Zu-
sammenhanges jener Prinzipien mit diesen besonderen
Anwendungen einschätzt. Diese Schwierigkeit gilt nicht
nur für Schillers Verhältnis zu Kant. Die kritische
Gedankenwelt war kein starres, nnverrückbar festgelegtes
System; sie war es weniger als die irgendeiner anderen
Philosophie. Sie stellte vielmehr eine in sich bewegte
Mannigfaltigkeit dar, deren unerschöpflicher Reichtum eine
Fülle lebendiger Beziehungen und Verwickelungen ent-
hielt und zur Entfaltung bringen mußte. Da war es
und bleibt es denn schwer, das Maß der Verschiebung
eindeutig zu bestimmen. Fichte konnte seine Lehre noch
für die recht verstandene kantische halten, als er — nicht
bloß nach Kants eigenem Urteil — offensichtlich längst
darüber hinausgegangen war: Schiller kann selbst da noch
für einen echten Kantianer gelten, wo er über den Meister
hinauszugehen glaubte. Auf der einen Seite kann man
die gesamte Entwickelung des deutschen Jdealismus als
die Ausbildung des Systems der Vernunft betrachten,
das durch die Kritik begründet worden war: auf der
andern Seite kann jede Phase dieser Entwickelung ver-
möge der Herausarbeitung eines besonderen Moments,
das sie charakterisiert, als ein Abweichen von Kant und
ein Hinausgehen über ihn dargestellt werden. Und dies
muß dann auch für die spezifischen Lehren anerkannt
werden, bei denen Schiller seine Selbständigkeit empfand
und betonte. Sie habeu das Recht dazu um so mehr,
wenn sie sich als Ansatzpunkte erkennen lassen, an denen
nachher kräftige Seitentriebe aus dem Hauptstamme her-
ausgewachsen sind.

Eines aber wird man bei der Feststellung der Be-
deutung Schillers für die Entwickelung der Philosophie
immer im Auge behalten müssen: das ist, daß er niemals
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